Alte Liebe rostet nicht

In dieser Woche ist mir bei Facebook ein schöner Spruch ins Auge gefallen, den mir eine gute Freundin sinngemäß mit auf dem Weg gab, um mir in einem Anfall schweren Liebeskummers Trost zu spenden:

„Zwei Menschen, die zusammen gehören, gehen vielleicht kurze Zeit mal nicht den selben Weg. Doch sie werden immer in die selbe Richtung laufen und wieder zusammenfinden.“

Eine richtig tiefgehende Liebe ist so unendlich wie das Meer, und genau dort wo die Elbe in die Weiten der Nordsee mündet, hat sich solch ein Fall von ewig währender Zuneigung vor vielen Jahren zugetragen.

Bildquellenangabe: Rolf Handke  / pixelio.de

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In Cuxhaven lebten damals zwei befreundete Seefahrer, deren sehnlichster Wunsch es war, ihre Verbundenheit als Krönung zusätzlich noch durch Familienbande zu verknüpfen. Ihr Plan ging tatsächlich ohne großes Zutun auf. Durch die starke Freundschaft der Väter bedingt, wuchsen ihre Kinder zusammen auf und erlebten das, was man in unseren Tagen gern als Sandkastenliebe bezeichnet. Lorenz Thomsen und Else Balmann gingen ihre gesamte Kinderzeit einschließlich ihrer Jugend durch dick und dünn. Kein Außenstehender vermochte es, einen Keil zwischen sie zu treiben. Schon konnte man in naher Zukunft die Hochzeitsglocken läuten hören, da sollte jedoch ein dramatisches Ereignis dem Liebespaar vorerst einen gehörigen Strich durch die Rechnung machen.

Bildquellenangabe: Marianne J.  / pixelio.de

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An einem stürmischen Winterabend hatten die beiden alten Seebären Thomsen und Balmann gemütlich in einer Hafenkneipe beisammen gesessen. Als sie sich endlich auf den Heimweg begaben, sahen sie draußen auf dem Meer die verzweifelten Notsignale eines fremden Segelschiffes. Durch den peitschenden Regen hindurch konnten die Männer den verzweifelten Kampf der Galeone gegen gewaltige Wellen beobachten. Die Freunde hatten sich selbst schon einmal in Seenot befunden und konnten sich gut ausmalen, wie sehr die Besatzung des bedrängten Schiffes auf Hilfe vom nahen Festland hoffte. Getreu dem Motto „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern.“, eilten die beiden zu Thomsens kleinem Kahn und hielten Kurs auf die Galeone. Beinahe schafften sie es auch ihr Ziel zu erreichen, da raste eine haushohe Welle auf das Boot zu, brachte es zum Kentern und riss die zwei Freunde in ihr gemeinsames Seemannsgrab.

Bildquellenangabe: Genter  / pixelio.de

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Die Trauer ihrer Familien war groß. Wie es aber oftmals bei den Angetrauten guter Freunde so ist, waren sich die beiden Witwen von jeher spinnefeind, und jede gab nun dem Mann der anderen die Schuld an dem traurigen Unfall. Elses Mutter verrannte sich in ihrem Schmerz am meisten, und untersagte ihrer Tochter den weiteren Umgang mit dem geliebten Lorenz. Wenn so etwas heute vorkäme, würde wahrscheinlich jede normale Frau der Mutter den Mittelfinger entgegenstrecken und ihr schleunigst einen Termin beim Seelenklempner besorgen. Aber damals waren die Zeiten noch anders, und Else fügte sich.

Lorenz trat in die Fußstapfen seines verstorbenen Vaters und fuhr jetzt selbst zur See. Aber egal wie viele schöne Frauen ihm auf seinen zahlreichen Reisen auch begegneten, nie gelang es ihm die innige Vertrautheit und die schönen Stunden mit seiner Jugendliebe zu vergessen. Else erging es ganz genauso, und so zeigte sie jedem anderen Mann, der ihr zu Nahe kam, die sprichwörtliche kalte Schulter. Fünfzehn Jahre sollte die innerliche Einsamkeit der Liebenden dauern, dann endlich starb die Frau, die dem Glück der Beiden so unnachgiebig im Wege stand. Als Lorenz vom Tod seiner Schwiegermutter in spe erfuhr, gab es für ihn kein Halten mehr. Auf der Stelle fuhr er nach Hause nach Cuxhaven und holte seine Else zu sich.

Bildquellenangabe: Götz Friedrich  / pixelio.de

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Im Märchen käme jetzt an dieser Stelle: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch immer…“. Solch ein Happyend war dem jungen Schiffer Thomsen und seiner Frau leider nicht beschieden, oder sollte zumindest nicht von langer Dauer sein. Fast auf den Tag genau ein Jahr nach der Hochzeit des Paares, war das Cuxhavener Küstengebiet abermals von einem schweren Unwetter betroffen. Else, die die Rückkehr ihres Mannes genau an diesem Tag erwartete, machte sich große Sorgen, dass sein Schiff bei dem Sturm heil in den Heimathäfen fände, und lief daher trotz des strömenden Regens hinaus an die Anlegestelle. Nach einer bangen Wartezeit, die sich ins schier Unendliche ausdehnte, konnte sie mit einem Mal eindeutig das große Segelboot ihres Lorenz in den wogenden Wellen der See entdecken. Lorenz stand sogar selbst auf der Spitze des Bugs und winkte seinem Frauchen zu.

Helgoland Bildquellenangabe: x-ray-andi  / pixelio.de

Helgoland
Bildquellenangabe: x-ray-andi / pixelio.de

Nur für den Bruchteil eines Moments war Else gezwungen, den Blick von ihrem Ehemann abzuwenden, denn eine starke Windböe fuhr ihr ins Gesicht und riss ihr das schützende Tuch vom Kopf. Als sie ihre Augen zurück auf die Nordsee richtete, ragte nur noch der Schiffsrumpf aus dem Wasser empor, und ihr geliebter Ehemann versank wenige Sekunden darauf mit weit nach ihr ausgestreckten Armen. Elses Verzweiflung war so groß, dass sie sich im Affekt sofort hinterher stürzte.

Der Hamburger Leuchtturm in Cuxhaven vor dem Abendhimmel Bildquellenangabe: Andreas Dengs, Essen (Ruhr)  / pixelio.de

Der Hamburger Leuchtturm in Cuxhaven vor dem Abendhimmel
Bildquellenangabe: Andreas Dengs, Essen (Ruhr) / pixelio.de

Erst am nächsten Tag wurde klar, dass Else eine telepathische Erscheinung gehabt haben musste. Das Schiff, mit welchem sich Lorenz auf dem Heimweg befand, war wirklich untergegangen. Allerdings nicht kurz vor Cuxhaven, sondern bereits vor den Klippen der Insel Helgoland. Kein menschliches Auge vermag eine Entfernung von 63 Kilometern zu überbrücken. Das funktioniert noch nicht einmal mit Hilfe eines guten Fernrohrs. Die Verbindung zwischen den zwei Menschen muss also zwangsläufig so intensiv gewesen sein, dass Else im Augenblick Lorenz Todes eine verblüffend real erscheinenden Sinnestäuschung widerfuhr.

An der Stelle, an der die treue Else in die Fluten sprang, wurde später zum Gedenken an diese unvergängliche Liebe eine Aussichtsplattform gebaut. Auch heute noch fahren die Schiffe nach Helgoland genau von diesem Hafenanleger los. Seit den damaligen Geschehnissen trägt er den einprägsamen Namen „Alte Liebe“.

Bildquellenangabe: Rudi  / pixelio.de

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