Am Pranger von Schloss Augustusburg

Bildquellenangabe: Jürgen Hoinka  / pixelio.de

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Das Jagdschloss Augustusburg diente uns, bedingt durch seine Nähe zu meinem früheren Wohnort, in der Vergangenheit oft als lohnenswertes Ausflugsziel. Wenn wir mit dem Auto von Zwickau aus ins Tal der Zschopau hineinfuhren, war die Quarzsteinhochfläche mit dem stattlichen Renaissancebau schon von weitem erkennbar.
Parkplätze befinden sich zwar unmittelbar beim Schloss, manchmal machten wir aber auch in Erdmannsdorf halt und stiegen in die mittlerweile über 100 Jahre alte Drahtseilbahn ein, um mit ihr die letzte Etappe bis hoch zur Augustusburg zurückzulegen.

Bildquellenangabe: Rike  / pixelio.de

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Im Kindesalter begeisterten mich hauptsächlich die Tierpräparate der heimischen Flure und Wälder, die im integrierten Museum für Jagd und Vogelkunde ausgestellt sind. Auch das alte Stallgebäude, in denen prachtvolle herrschaftliche Kutschen bewundert werden können, fand meinen großen Zuspruch. Dass die Augustusburg darüber hinaus ein beliebtes Mekka für Biker darstellt, da in ihren Mauern eine Sammlung von etwa 170 alten Motorrädern untergebracht ist, fand ich erst später heraus. Mein Technikeifer hielt sich im Kinder- und Teenageralter dann doch noch etwas in Grenzen. Erst als ich selbst als stolze Sozia auf der 150er MZ meines ersten festen Freundes die sächsischen Straßen unsicher machte, sollte sich mein Horizont auch dahingehend erweitern.

Es dauerte ebenfalls eine Weile, bis ich mich für die geschichtlichen Hintergründe von Schloss Augustusburg zu interessieren begann. Im Rahmen dieser Recherchen förderte ich so einige bemerkenswerte Details zu tage.

Bildquellenangabe: Sven Richter  / pixelio.de

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Vater Augustus, der ab dem Jahr 1553 als Kurfürst über Sachsen herrschte, gab anno 1567 den Bau des nach ihm benannten Jagdschlosses in Auftrag. Verantwortlich für die Durchführung und Überwachung der Bauarbeiten war dazumal kein Geringerer wie der Leipziger Bürgermeister Hieronymus Lotter. Zu allererst musste jedoch die alte, schadhafte Burg der Schellenberger, deren Überreste nach einem schweren Blitzschlag das auserwählte Gelände verunzierten, abgetragen werden und dem geplanten prächtigen Neubau weichen. Die Umsetzung des Bauvorhabens war aufwendig und verschlang immens hohe finanzielle Mittel. Bis zur Fertigstellung der Augustburg im Jahre 1573 griff Hieronymus Lotter immer wieder in die eigenen Taschen um das lückenhafte Budget, welches ihm Kurfürst August zur Verfügung stellte, zu stopfen. Der sächsische Landesvater zeigte sich wenig dankbar. Im Gegenteil, er hielt es eher wie der berühmt-berüchtigte Münchener Scientologe, welcher Ende der 90er Jahre mit seiner Schloss Osterstein Bau GmbH unzählige, alteingesessene Zwickauer Handwerksfirmen in die Insolvenz trieb. August blieb Lotter eine Menge Geldes schuldig, und Leipzigs einstiger Bürgermeister verstarb 1580 arm wie eine Kirchenmaus im erzgebirgischen Geyer.

Im Hinblick auf Schloss Augustusburg wurde der Nachwelt aber noch eine andere Begebenheit überliefert, die wegen ihrer Hintergründe recht gut zum heutigen Faschingsdienstag und seinen Verkleidungsbräuchen passt:

Aue im Erzgebirge Bildquellenangabe: Peter René Thomzig  / pixelio.de

Aue im Erzgebirge
Bildquellenangabe: Peter René Thomzig / pixelio.de

Sabina Apitzsch, eine junge Frau aus der sächsischen Kleinstadt Lunzenau, flüchtete 1713 vor einer Zwangsheirat aus ihrem Elternhaus. Um nicht erkannt zu werden, griff sie ausschließlich auf Männerkleidung zurück. Fast könnte man sie mit einer Romanheldin aus einem Historienschmöker von Iny Lorentz vergleichen. Sabina nahm den Namen Karl Merbitz an und gab sich als reisender Barbier aus. Ein Jahr nach ihrer Flucht machte sich Sabina jedoch in Aue, wohin sie zahlreiche Irrwege verschlagen hatten, verdächtig und wurde dem dortigen Amtmann vorgeführt. In ihrer tollkühnen Maskerade sah Sabina ausgerechnet dem jungen Prinzen Friedrich August verblüffend ähnlich, und von diesem war bekannt, dass er sich zu jener Zeit gerade in der erzgebirgischen Region aufhielt. Der vermeintliche Prinz wurde nun mit komplett neuen, kostbaren Kleidern ausgestattet, wie es sich nun einmal für einen blaublütigen Erben geziemt, und bekam obendrein sogar ein edles Pferd geschenkt. Anschließend wurde die völlig überrumpelte Sabina, der jedoch nichts anderes übrig blieb wie diesen Mummenschanz weiterhin aufrecht zu erhalten, nach Schloss Augustusburg geleitet.

Bildquellenangabe: w.r.wagner  / pixelio.de

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Sabinas großes Pech war es, dass ein Höfling aus Dresden, der den echten Prinzen von Angesicht zu Angesicht kannte, ebenfalls gerade auf dem Jagdschloss zu Gast war. Der Dresdner bemerkte den ganzen Schwindel relativ schnell und ließ Sabinas Kostümierung auffliegen. August der Starke, Sachsens damals amtierender, namhafter Kurfürst, befahl die junge Frau im Burghof an den Pranger zu stellen und anschließend einzukerkern.
Das einfache Volk war allerdings vollkommen hingerissen von Sabina und der Art und Weise, wie sie die Adligen über einen langen Zeitraum hinweg gehörig an der Nase herumgeführt hatte. Man gab ihr den liebevollen Namen “Prinz Lieschen”.

Blick vom Wachbergturm über Waldheim Bildquellenangabe: Maja Dumat  / pixelio.de

Blick vom Wachbergturm über Waldheim
Bildquellenangabe: Maja Dumat / pixelio.de

Von Schloss Augustusburg wurde Sabina einige Zeit später in ein Gefängnis nach Waldheim verlegt, musste zum Glück aber nur noch wenige Monate hinter Gittern zubringen. Im Oktober 1717 wurde sie begnadigt und aus ihrer Haft entlassen. Sie kehrte nach dieser unglückseligen Odyssee tatsächlich in ihr Elternhaus nach Lunzenau zurück, hat jedoch in ihrem gesamten restlichen Leben nie mehr daran gedacht, einen Mann anzuschauen oder gar zu heiraten.

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