Der bronzene Wolf im Dom zu Aachen

Bildquellenangabe: Katrin Hammer  / pixelio.de

Bildquellenangabe: Katrin Hammer / pixelio.de

Es gibt viele Dinge, mit denen man bei der Besichtigung einer großen Kathedrale oder Domkirche automatisch rechnet. Man erwartet prunkvolle Altäre, ungewöhnliche Taufbecken, vielleicht auch allerhand reich verziertes Schnitzwerk. Aber die eherne Statue eines Wolfes? Das ist völlig anomal. Daher wird so manch einer, der in der Grenzstadt Aachen das Innere des dortigen Doms besichtigt, zunächst verdutzt vor dem Standbild des Raubtiers stehen bleiben und sich fragen, was der Wolf hier eigentlich zu suchen hat. Schließlich wurde Isegrim jahrhundertelang von der christlichen Kirche als blutrünstiges und seelenfressendes Teufelswesen verschrien.

Auch an dieser Stelle bringt eine sehr alte Sage erfolgreich Licht ins Dunkel.
Während der Erbauung des Aachener Doms in den Jahren 793 bis 813 wurde das Geld ziemlich knapp, und die Arbeiten zogen sich daher immer mehr in die Länge. Eines Tages erschien ein fremdländisch wirkender, luxuriös gekleideter, fremder Mann in der Residenzstadt Karl des Großen und bat um eine Audienz. Der Fremdling wurde vor den Hohen Rat gelassen und bot diesem eine nicht unbeträchtliche Summe seines Vermögens an, von welchem die Bischofskirche endlich fertiggestellt werden könne. Die Mitglieder des Hohen Rates waren über diese scheinbare Selbstlosigkeit zu Recht sehr verwundert und fragten natürlich nach dem Haken an der Sache. “Ich verlange lediglich die Seele des ersten Lebewesens, welches das Domportal nach der Eröffnung der Kirche durchschreitet.”, sprach der reiche Gönner, und in diesem Moment wussten alle Anwesenden, mit wem sie es hier wirklich zu tun hatten. Die Herren zogen sich zu einer längeren Beratung zurück, entschlossen sich aber schließlich doch, dass Angebot des Höllenfürsten anzunehmen. Der Dombau sollte auf Biegen und Brechen ein schnellstmögliches Ende finden.

Der Dom zu Aachen Bildquellenangabe: Templermeister  / pixelio.de

Der Dom zu Aachen
Bildquellenangabe: Templermeister / pixelio.de

Die Bauarbeiten schritten von jetzt an zügig voran. Obwohl die Verantwortlichen mit aller Macht zu verhindern suchten, dass die wahren Gründe ihrer plötzlichen Liquidität nach außen drangen, machten bald die unheimlichsten Gerüchte unter der Aachener Bevölkerung die Runde. So kam es, dass kein Aachener Bürger nach der Fertigstellung bereit war, das Kirchenbauwerk zu betreten. Schon sah sich Satan um seine Seele betrogen und forderte deshalb zum Ausgleich das Leben eines Ratsmitgliedes. Erneut zogen sich die verängstigten Ratsherren zu einer umfangreichen Besprechung zurück. Das Resultat dieser Zusammenkunft gipfelte in der Entwicklung eines durchtriebenen Plans, der in seiner Schläue ebenso vom Teufel selbst hätte stammen können.

Bildquellenangabe: Templermeister  / pixelio.de

Bildquellenangabe: Templermeister / pixelio.de

Sie schickten einen Jäger in die Wälder des Rheinischen Schiefergebirges und ließen ihn dort einen lebendigen Wolf fangen. Das arme Tier wurde anschließend bis vor das Kirchenportal geschleppt und unter lautem Glockengeläut ins Innere des Doms gehetzt. Diabolus, welcher schon voller Vorfreude auf der Lauer lag, machte dem ersten Kirchenbesucher sogleich den Garaus, bemerkte aber kurz darauf, dass es sich bei seiner Beute keineswegs um eine Menschenseele handelte. Dennoch war er gezwungen, die Täuschung wortlos hinzunehmen und zog sich unter großem Murren und Getose in sein Höllenreich zurück. Die erleichterten Ratsherren ließen ihren tierischen Retter aus Dankbarkeit in Bronze gießen, und seither hat die Wolfstatue einen Ehrenplatz im Aachener Dom.

Nur ein Jahr später fand Karl der Große in der, dem Dom zugehörigen Pfalzkapelle seine letzte Ruhestätte. Über dessen Seele hätte sich der Teufel garantiert mehr gefreut!

Dieser Beitrag wurde unter Nordrhein-Westfalen abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.