Der Galgenvogel und die Rote Grütze

Um das Jahr 1630 herum lebte im Hamburger Stadtbezirk Wandsbek ein Schreinermeister, der aß für sein Leben gern Rote Grütze. Eines Tages nahm Hans Meinecke, so der Name des Tischlers, einen jungen Mann aus dem Vogtland zu sich, um ihn in der Kunst des Holzhandwerks zu unterrichten. Dem Lehrling August Hermann Heinrich hingen die vielen, von der Meistersfrau täglich servierten Grützspeisen, ziemlich schnell zum Halse heraus. Bevor er das Weite suchte und aus Wandsbek verschwand, vergaß er nicht Hans Meinecke noch zu verspotten, aus dessen Kinder würden ganz gewiss einmal richtige “Grützköpfe” werden.

Blick vom Kehrwieder Bildquellenangabe: Lisa Schwarz  / pixelio.de

Blick vom Kehrwieder
Bildquellenangabe: Lisa Schwarz / pixelio.de

Der Vogtländer heuerte bald darauf erfolgreich beim Militär an und machte im Verlaufe
des Dreißigjährigen Krieges bei seinem Regiment geschwind Karriere. Bis zum Rang eines Leutnant kletterte er die militärische Stufenleiter empor. Doch wie 1648 die Kämpfe endlich beendet wurden und wieder Frieden im Reich einkehrte, da war es auch mit dem August seiner Laufbahn zu Ende. Von richtiger Arbeit verstand er nichts, doch irgendwie musste es ihm gelingen, sich und seine Angetraute auch in Friedenszeiten zu ernähren.
Erneut richtete August seine Schritte nach Hamburg, hatte er doch erfahren, dass ein wohlhabender Kaufmann am Kehrwiederfleet dringend eine Amme für seinen Nachwuchs suchte. Er wies seine Frau an, sich in dem Haushalt des Patriziers zu verdingen, was ihr tatsächlich auch gelang. Kurz danach stellte sie August ihrem Dienstherren als Bruder statt als Ehemann vor. Nun dauerte es nicht mehr lange, bis sie ihren Plan in die Tat umsetzten, und in einer dunklen Nacht, den Kaufmann Tylo Baren um sein Gold und Silber erleichterten. Dumm nur, dass sie schon an der Brooksbrücke der Hamburger Rätelwache über den Weg liefen und sich sogleich im Kerker wiederfanden.

Die Brooksbrücke in Hamburg Bildquellenangabe: Bernd Sterzl  / pixelio.de

Die Brooksbrücke in Hamburg
Bildquellenangabe: Bernd Sterzl / pixelio.de

Die Niedere Gerichtsbarkeit verurteilte das räuberische Ehepaar zum Stäupen, einer am Pranger vorgenommenen Prügelstrafe. Anschließend sollten sie mit Schimpf und Schande aus Hamburg gejagt werden. Der arrogante Leutnant aber, konnte es einfach nicht auf sich belassen. Er legte Berufung ein, und somit landete sein Fall beim Hochgericht. Erschwerend kam hinzu, dass in der Zwischenzeit noch andere verbrecherische Delikte des Paares ans Tageslicht gekommen waren. Die Frau des August hauchte nun ihr Leben auf dem Richtblock aus, er selbst aber wurde im November 1661 am Galgen aufgeknüpft.

Bildquellenangabe: Christian Simon  / pixelio.de

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Damals war es ja nun grausige Sitte, die Hingerichteten, der allgemeinen Abschreckung wegen, noch einige Tage am Galgen hängen zu lassen. Wie der tote August nun so schön hin und her baumelte, kam zufällig sein ehemaliger Lehrmeister an der Richtstätte vorbei. Hans Meinecke hatte es über die Jahre hinweg weder verziehen noch vergessen, dass August die Spottdrossel seine Kinder einst Grützköpfe geschimpft hatte. Nun lästerte er vor dem Galgen ab: “Na, Du Armer, jetzt hättest Du doch bestimmt gerne eine Schüssel voller Roter Grütze. Wenn Du Deinen Strick vom Hals los bekommst, so lade ich Dich hiermit zum Abendessen ein.”.

Sein Hohn sollte dem Schreiner jedoch schnell vergehen, denn auf einmal öffnete der gehenkte August seine toten Augen, murmelte ein paar unverständliche Worte und nickte zum Zeichen, dass er die Einladung zur Grütze annehmen werde genau dreimal. Völlig fassungslos eilte sich Hans Meinecke nun, dass er fix nach Hause kam. Zum Abendessen schienen die zahlreichen Stossgebete, die der Schreiner im Kreise seiner Familie aufsagte, noch zu helfen. Dann aber kam die Mitternachtsstunde, und mit ihr ein lautes Kettenrasseln, Ächzen und Stöhnen. Der hingerichtete Galgenvogel klopfte an das Fenster seines einstigen Lehrmeisters, und verlangte die ihm versprochene Rote Grütze.
Blitzschnell kam Hans Meinecke dieser Aufforderung nach und stellte eine große Schale Grütze hinaus auf das Fensterbrett. Zitternd verkroch er sich anschließend tief unter seiner Bettdecke.

Bildquellenangabe: Petra Bork  / pixelio.de

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Die Schale wurde am nächsten morgen tatsächlich leer und zerbrochen vorm Fenster gefunden. Der Schreiner wurde jedoch noch an zahlreichen Nächten von bösen Alpträumen heimgesucht. Niemals wieder, so schwor er sich, würde er über einen Toten abfällige Reden schwingen.

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