Der Pfeil der Rache

Rache ist bekanntlich sehr süß. Manchmal dauert es zwar recht lange, bis der Rachedurst nach einem erlittenem Unrecht erfüllt werden kann, es lohnt sich jedoch zu warten. Der Wunsch nach Vergeltung ist eine äußerst starke Emotion und lässt Menschen in der richtigen Situation über sich selbst hinauswachsen.

Burg Sooneck Bildquellenangabe: Thomas Max Müller  / pixelio.de

Burg Sooneck
Bildquellenangabe: Thomas Max Müller / pixelio.de

Eine nahezu beispielhafte Geschichte zu dieser Thematik hat sich vor langen Zeiten auf Burg Sooneck im Wald bei Bingen zugetragen. Auf der trutzigen Hangburg herrschte zu jener Zeit ein kaltblütiger Raubritter, welcher nicht nur Kaufleute überfiel, sondern auch vor Fehden mit friedliebenden Burgherren in seiner Nachbarschaft nicht zurückschreckte. Bis ins Hessische hinein dehnte er seine Raubzüge aus, und nahm bei einer dieser Invasionen auch den Ritter von Burg Fürsteneck gefangen. Da sich der stolze Rittersmann seinem Willen nicht beugen wollte, folterte er ihn und stahl ihm dabei durch die Blendung mit glühendem Metall für immer sein Augenlicht. Blind und ohne jegliche Hoffnung auf Freiheit, schmachtete der Fürstenecker im Kerker von Burg Sooneck vor sich hin.

Eines Abends wurde auf der Burg wieder einmal eine der üblichen, ausschweifenden Sauforgien gefeiert. Im Alkoholrausch ging es heiß her, die Diskussionen zwischen den Zechbrüdern wurden immer hitziger und aggressiver. Jeder wollte recht haben und der Beste sein. Als Ersatz für den maskulinen “Schwanzvergleich” beschloss man einen Wettbewerb im Bogenschiessen durchzuführen. Da der Fürstenecker weit über die Grenzen seines Landbesitzes hinaus als Meisterschütze bekannt war, brüstete sich der Ritter von Sooneck damit, solch ein Talent in seinem Verlies interniert zu haben. In seinem Hochmut befahl er, den blinden Ritter nach oben in den Festsaal zu bringen, damit er seine Kunstfertigkeit mit Pfeil und Bogen vorführen könne.

Bildquellenangabe: Maren Beßler  / pixelio.de

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Persönlich überreichte der Tunichtgut dem geschundenen, aber nach wie vor aufrechten Ritter die Jagdwaffe mit den Worten: “Triffst Du auch mit blinden Augen noch Dein Ziel, so will ich Dir die Freiheit schenken.”. Die nur schwer zu bewältigende Aufgabe sollte ein sicherer Schuss in einen, von ihm selbst in die Luft geworfenen, Weinkelch sein.

Der verzweifelte Ritter von Fürsteneck sah nun endlich seine Chance auf Rache gekommen. Sein Gehör hatte sich aufgrund der Blindheit hervorragend entwickelt, und die Stimme seines Peinigers verriet ihm ganz genau, wo sich dieser befand. Es dauerte nur wenige Sekunden, von da an wo der Kelch geworfen wurde, bis der Soonecker mit einem Pfeil im Herzen tot zusammenbrach.
Sogleich herrschte eine atemlose, ernüchterte Stille bei allen restlichen Anwesenden. Der Pfeil der Rache hatte direkt ins Schwarze getroffen. Tief befriedigt in seinem Innersten kehrte der willensstarke Ritter auf die heimische Burg und zu seiner Familie zurück.

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