Der schwarze Storch bei Divitz-Spoldershagen

Bildquellenangabe: a. bonarius  / pixelio.de

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Vom Süden der Urlaubsinsel Rügen aus, auf dem vorpommerschen Festland gelegen, trifft man unweit der Stadt Barth auf die kleine Gemeinde Divitz-Spoldershagen. Die Flora dieser Gegend zeichnet sich besonders durch die vielen Haselnusssträucher aus, deren Früchte in der vor uns liegenden Weihnachtszeit wieder traditioneller Bestandteil vieler bunter Teller sein werden.
Die knackigen Haselnusskerne sind nicht nur bei wuschelschwänzigen Eichhörnchen als Winternahrung sehr beliebt. Sie wurden auch von alters her von den Einheimischen gerne gesammelt, um damit ihre karge Speisekammer über die düstere Jahreszeit hinweg zu bereichern. Allerdings scheint das Ernten der Haselnüsse vor allem für junge, hübsche Mädchen ein gefährliches Unterfangen zu sein.

ildquellenangabe: Rike  / pixelio.de

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Die am üppig tragendsten Haselsträucher befinden sich nämlich in einem Eichenwäldchen, an dessen Nordende sich einstmals die Burg Löbnitz befand, bevor sie 1756 bis 1763 im Siebenjährigen Krieg dem Erdboden gleich gemacht wurde und nur noch wenige Trümmer als Zeugen ihrer vormaligen Existenz verblieben. Weibliche Teenager, die sich zum Nüssesammeln nun genau auf dieses Terrain begaben, verschwanden wie vom Erdboden verschluckt und tauchten, wenn überhaupt, erst viele Jahre später wieder auf. Sie waren dann entweder viel zu verwirrt oder aber schämten sich zu sehr, um von dem zu berichten, was ihnen in der Vergangenheit widerfahren war. Was aber war geschehen?
Der deutsche Dichter Ernst Moritz Arndt beschloss schon seinerzeits dem Phänomen auf die Spur zu kommen und fand so einiges heraus, was ich nun hier mit meinen eigenen Worten zusammenfassen möchte:

Bildquellenangabe: Augenauf  / pixelio.de

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Die Burg Löbnitz war das Besitztum eines Rügener Adligen, der darüber hinaus auch noch ein Lustschloss zwischen Redebas und Wobbelkow sein eigen nannte. Der edle Herr galt als grausamer Tyrann. Mit seinem Fernglas beobachtete er vom Schloss aus die Straßen der umliegenden Landschaften. Entdeckte er dabei fahrende Kutschen, gab er Order zum Überfall und ließ seine ahnungslosen Opfer ausrauben. Kamen ihm aber reizende Mädchen vor die Linsen seines Feldstechers, so ließ er diese ergreifen und auf die Burg Löbnitz verschleppen, wo er sie als seine Sexsklavinnen gefangen hielt und nach Lust und Laune vergewaltigte. Wie bereits eingangs erwähnt, bereitete erst ein Heer der Russen im Siebenjährigen Krieg den wüsten Orgien auf der Burg ein Ende.

Bildquellenangabe: Siegfried Bellach  / pixelio.de

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Der bösartige Geist des Burgherren hat jedoch die Jahrhunderte überdauert, und erscheint seit jener Zeit in Gestalt eines schwarzen Storches, welcher seinen Nistplatz auf einer verdorrten Buche hat. All die normalen Störche sowie sämtliche anderen Vertreter der Vogelwelt meiden bei Tage das Jagdrevier dieses sonderbaren Geschöpfes. Nach Einbruch der Dunkelheit wimmelt es dafür hier nur so von Krähen, Raben, Eulen und Waldkäuzen. Aggressiv bellende Füchse und die in großer Zahl hervor kriechenden Schlangen verursachen nächtlichen Wanderern Gänsehaut.

Bildquellenangabe: Bettina Stolze  / pixelio.de

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Wie Frankenstein seinen treuen Diener Igor, so hat auch der tückische Storchengeist einen treuen Ergebenen. Sein Bursche hat die Erscheinung eines adretten Matrosen und lockt mit seinem charmantem Wesen und mit der Hilfe eines farbenfrohen Blumenstraußes die nichtsahnenden Teenie-Mädchen ins Verderben. Folgen sie ihm in ihrer Naivität bis zum Gebiet des ehemaligen Burgwalls und berühren dort einen bestimmten Stein, öffnet sich die Erde und saugt sie tief in ein unterirdisches Reich hinein, welches seit damals die Kerker der Burg Löbnitz ersetzt. Oftmals soll das Jammern und die Hilferufe der armen Missbrauchten aus den Gängen der massig vorhandenen Fuchsbauten an die Oberfläche empor hallen. Der schwarze Storch aber zieht dazu hoch in der Luft seine triumphalen Kreise.

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