Der Schwarze Tod als Namensgeber

Dass ich als Teenager ein Kind von Traurigkeit war, wird wohl keiner behaupten wollen, der mich in diesen Zeiten schon gekannt hat. Ich war besonders an den Wochenenden überall dort zu finden, wo recht viel los war. Es konnte mir gar nicht wild genug zugehen, und meine frühzeitig erwachte Neigung zur Heavy Metal-Musik spielte dabei natürlich auch noch eine überaus beträchtliche Rolle. Ich denke immer noch gerne an die alten Zeiten zurück, an denen wir Samstagabend den berühmt, berüchtigten “Amorsaal” im Mülsengrund unsicher machten. “Dr Moor” wie wir ihn in unserem westerzgebirgischen Jugendjargon kurz nannten, war verrufen und gleichzeitig als wöchentlicher Pilgerort für Liebhaber der harten Musikrichtungen weit über die Ortsgrenzen hinaus bekannt. Schon zu DDR-Zeiten heizten dort so bekannte Ossi-Bands wie City oder Formel 1 ihrem headbangendem Publikum kräftig ein. Fatal war es nur, den letzten “Rauskehrer”-Bus nach den Konzerten zu verpassen, denn dann blieb einem nichts anderes übrig als kilometerweit den Mülsenbach in Richtung Zwickau entlang zu latschen.
Mit der Tanzgaststätte “Amorsaal” sind für mich zeitlebens wirklich schöne Erinnerungen verbunden, auch deshalb, weil ich sie in einem Anfall von Nostalgie im Sommer 1996 mit einer Freundin erneut heimsuchte, und an diesem Abend meinen ehemaligen Mann in der dazugehörigen Gaststube beim obligatorischen “Mocca Edel” kennenlernte. So kam es, dass ich ein paar Jahre später selbst für einige Jahre zur Mülsenerin mutierte.

alte Fliegeraufnahme von Mülsen St. Jacob

alte Fliegeraufnahme von Mülsen St. Jacob

Eine meiner Eigenheiten ist es, dass ich mich sehr für die historische Vergangenheit von Ortschaften interessiere, vor allem natürlich von da, wo ich selbst lebe und wohne. In Mülsen kam mir der Umstand zugute, dass ich mich in seinen letzten Lebensjahren um den Großvater meines Exmannes kümmerte, und daher logischerweise viel Zeit mit dem alten Herren verbrachte. Opa Erich war jahrelang im Kirchenvorstand von Mülsen St. Niclas tätig, und so stellte ich ihm die Frage, wie die drei bekanntesten Mülsener Ortsteile denn zu ihren Namen kamen. Seinem Wissen nach wurden diese, vor 1999 noch eigenständigen, Dörfer nach dem Erzengel Michael, dem Apostel Jacobus und dem Heiligen Nicolaus benannt. Erst kürzlich stieß ich nun aber auf eine alte Legende, die allerdings eine ganz andere Geschichte zur Namensgebung der einzelnen Gemeinden zu erzählen weiß:

Bekanntlich wütete die Seuche des “Schwarzen Todes” im Mittelalter in Deutschland so arg, dass ein Drittel der gesamten Bevölkerung den Folgen der tückischen Infektionskrankheit erlag. Auch der damals noch ziemlich jung besiedelte Mülsengrund machte dabei keine Ausnahme. Der Legende nach blieb in den vier südöstlich gelegenen Dörfern des Mülsengrundes jeweils nur ein einziger Mann von der Pest verschont. Die Namen dieser Männer waren Michel, Jacob, Niclas und Ortmann bzw. Ortwin, wenn man sich an die älteste, erhaltene Urkunde von Ortmannsdorf von anno 1278 hält. Die späteren Ortsnamen stammen also nach dieser Überlieferung von genau diesen einstigen Pestüberlebenden ab.

Die Kirche St. Jacobus der Ältere in Mülsen

Die Kirche St. Jacobus der Ältere in Mülsen

Diese Erklärung mit geschichtlichem Hintergrund erscheint mir persönlich sehr plausibel. Aber eine weitere Frage bleibt weiterhin offen.
In der Mülsener Umgebung, vor allem aber in Zwickau, gibt es die Redewendung, dass falsch gestellte Uhren nach dem “Mülsener Mond” gehen oder aber, dass ein als extrem rückschrittlich bekannter Mitbürger hinter dem “Mülsener Mond” lebt. Möglicherweise beruhen die oftmals sarkastisch und ironisch gemeinten Sprüche ja auf dem Umstand, dass ein Großteil der Mülsener “Ureinwohner” von stark konservativen und traditionsbewussten Charakterzügen geprägt ist, wie ich selbst nicht nur einmal am eigenen Leib erfahren durfte. Genaueres konnte ich dazu jedoch noch nicht herausfinden.
In diesem Sinne ein herzliches “GLIGG AUF!”.

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Eine Antwort auf Der Schwarze Tod als Namensgeber

  1. My father was in the U.S. Army artillery in WWII. His unit shelled a town in the Ortmannsdorf area when a white flag was offered by the town, but when the officer went to accept it, snipers in the town killed the officer and a medic. The artillery was given orders to shell the town. The artillery men thought they were shelling soldiers, but when they went through the town the soldiers discovered that they had only killed women and children. The snipers had run off before the shelling began the burgermeister told them later. An officer was yelling at the men not to look, but my father did.
    It was something that bother him for the rest of his life. I had a conversation about 20 years ago with the bombardier that push the button over Hiroshima, he spent many years in mental institutions over the guilt of killing so many people at the push of a button. My father, likewise, suffered from post war mental problems. Do you know if Ortmannsdorf was the town this occurred at? When I told the Hiroshima bombardier what my father went through, it seemed to relieve him of some of his guilt, so many people had to do things because they were following orders – doing their duty to country. It seems such a foreign way of thinking today, but in the early part of the twentieth century, it was very real.
    I am half German, my mother’s side of the family came from Potsdam. They were Prussian officers that came to the U.S. during our Civil War to lead the German speaking farm boys into battle in the early 1860’s. At that time in the U.S., German and English were spoken almost equally, the decision to speak English here only won by a very small percentage of the vote.
    If you can check into the WWII shelling, I would appreciate it.
    Thank you.

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