Der See der treulosen Männer

Im Geister-und-Gespenster Forum rief unlängst ein User die faszinierende Diskussion ins Leben, ob es unter Wasser ebenfalls herumspukende Geisterscheinungen gibt:
http://www.geister-und-gespenster.de/forum/wbb2/thread.php?threadid=13688&threadview=0&hilight=&hilightuser=0&page=1.
Er bezog sich mit seiner Fragestellung allerdings hauptsächlich auf das Meer und untergegangene Schiffwracks. Nun, darüber ist mir noch nichts zu Ohren gekommen, aber eins kann ich ihm mit Gewissheit versichern: Um fast jeden deutschen Binnensee ranken sich interessante und phantasievolle Geschichten.

Über die Sagen des Starnberger sowie den Stechlinsees hatte ich hier im Blog erst neulich erzählt. Heute möchte ich mich dem ostholsteinschen Ukleisee, der sich bei Eutin befindet, widmen.

Bildquellenangabe: Barbara Eckholdt  / pixelio.de

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Allein schon über die Entstehung des idyllisch, inmitten von alten Buchen liegenden Sees existiert eine außerordentlich melancholische Legende. Eine wunderschöne, schnuckelige Nymphe mit langem Blondhaar, ein Naturgeist wie er überall auf der Welt in Pflanzen zu finden ist, soll hier zu Hause gewesen sein. Einen See gab es dazumal an dieser Stelle noch nicht, lediglich eine frische Quelle entsprang im Zentrum des Baumkreises. Nymphen wird nachgesagt, über eine wunderbar melodische Stimme zu verfügen, und ihr Gesang war es auch, der eines Tages einen stattlichen Rittersmann in die Nähe der Buchen lockte. Als der Ritter die zarte Schönheit erblickte, war es sofort um ihn geschehen. Auf der Stelle eilte er zu ihr, schloss sie fest in seine starken Arme und bat sie, die Seinige zu werden. Das Nymphlein war seinem Werben nicht abgeneigt, wollte jedoch vorher unbedingt seine Treue testen. Sollte er es schaffen, zwölf Monate lang keine Andere anzuschauen, dann versprach sie, würde sie für immer mit ihm zusammen zu sein.

Bildquellenangabe: Barbara Eckholdt  / pixelio.de

Bildquellenangabe: Barbara Eckholdt / pixelio.de

Ein ganzes Jahr ohne Liebe und Sex, dass war wohl auch für die kühnen Ritter der Vergangenheit zuviel verlangt. Er erschien zwar taggenau nach den zwölf Monaten wieder am vereinbarten Treffpunkt, aber aus seinen Augen blickte der Nymphe das pure schlechte Gewissen entgegen. Schon längst hatte eine Nebenbuhlerin ebenfalls sein Herz erobert und in vielen Nächten bei ihm gelegen. Vor Enttäuschung weinte die Nymphe bittere Tränen. Sie konnte gar nicht mehr aufhören, und aus den vielen Tränen formte sich über Nacht ein klarer See, der Ukleisee, so wie wir ihn heute kennen. Der untreue Ritter fand in dem Gewässer den Tod, denn am nächsten Morgen trieb er mit gebrochenen Augen an der Oberfläche.

Bildquellenangabe: snuesch  / pixelio.de

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Es gab jedoch noch einen zweiten Ritter, der die Geschichte des Sees geprägt hat. Dieser soll eine Burg bewohnt haben, die akkurat an der gleichen Stelle stand, wo sich heute das Jagdschloss befindet. Der Burgherr hatte ein Auge auf eine Bauerntochter aus Sielbeck geworfen und wollte sie, wie man heute so schön sagt, unbedingt einmal flachlegen. Die Dorfschöne widerstand seinem Drängen lange, war ihr doch vollkommen bewusst, dass ein reicher Ritter niemals die Tochter eines mittellosen Bauern zur Ehefrau nehmen würde. Doch auch wir Frauen haben unsere Bedürfnisse, und mit dem gezielten Einsatz sprühenden Charmes und vieler Schmeicheleien, bekam der Ritter letztendlich doch noch was er wollte.

Bildquellenangabe: Sabine Nüsch  / pixelio.de

Bildquellenangabe: Sabine Nüsch / pixelio.de

Es dauerte dann nicht mehr lange und seine Besuche wurden immer weniger. Irgendwann ließ er sich gar nicht mehr blicken, und das liebeskranke Bauernmädel erfuhr, dass in Kürze seine Hochzeit mit einer wohlhabenden Gräfin stattfinden solle. Ausgerechnet in einer kleinen Kapelle am See, in der er dem Mädchen die heißesten Liebesschwüre zugeflüstert hatte, würde nun die Trauung mit der Rivalin stattfinden. Die ohnehin schon schwermütige Bauerntochter, konnte es nicht mehr aushalten und beging vor Kummer Selbstmord. Aber pünktlich am Tag der Hochzeit fand sich ihr Geist in der Kapelle ein und zeigte anklagend auf den verräterischen Bräutigam. Auch hier kamen die Mächte der Natur der Betrogenen zu Hilfe, denn im selben Augenblick kam ein Unwetter auf, welches so schwer wütete, dass die Kapelle samt Hochzeitsgesellschaft hinfortriss und in den Ukleisee schwemmte. Nur ein unschuldiges Blumenstreumädchen blieb verschont und überlebte das Unglück. In lauen Sommernächten sollen die Glocken der Kapelle tief im See immer noch zu hören sein.

Das Jagdschloss am Ukleisee ließ übrigens der Fürstbischof von Lübeck am Ende des 18. Jahrhunderts seiner Ehefrau zu Ehren erbauen. Manche Ehebrecher machen ja auch heute noch wertvolle Geschenke, um ihr Gewissen zu beruhigen. Ob die Gattin des Fürstbischofs wohl aus ähnlichen Gründen zu ihrem malerischen Jagdschlösschen kam?

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Eine Antwort auf Der See der treulosen Männer

  1. Katja sagt:

    Eine wunderschöne Geschichte 😉

    LG
    Katja

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