Die höllisch guten Lebkuchen

Weihnachtszeit ist bekanntlich Naschkatzenzeit. Auch wenn ich normalerweise herzhafte Speisen bevorzuge, kann selbst ich in diesen Tagen den süssen Leckereien, die in den Schaufensterauslagen und diversen Weihnachtsmarktbuden geradezu “Kauf mich!” zu schreien scheinen, kaum widerstehen. Naschwerk enthält nachweislich Glückshormone, und auf diese kann und will ich, anfällig für Winterdepressionen wie ich nun einmal bin, momentan einfach nicht verzichten. Dass die Waage im neuen Jahr dann voraussichtlich bedrohlich ausschlägt, diese warnende Voraussicht ignoriere ich gerade eben äußerst gekonnt.

Bildquellenangabe:Rolf Handke  / pixelio.de

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Hier in Nürnberg locken vor allem die Elisenlebkuchen. Besonders die “Schwarze Elise” von unserem einheimischen “Lebkuchen Schmidt”, die ihrem Namen schon deswegen alle Ehre macht, weil sich der Schokoladenanteil bei ihr nicht nur in der Ummantelung befindet, hat es mir angetan. Ab und an gesellen sich im Advent jedoch noch Heimweh und Heisshunger auf Naschereien aus Kindertagen dazu. Also haben Mutti und Oma auf meinen Wunsch hin ins liebevoll verpackte Ost-Weihnachtspakt extra leckere Kirschbomben und Pulsnitzer Lebkuchen hinein gepackt.

Bildquellenangabe:Dieter Schütz  / pixelio.de

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Aber nicht nur in Sachsen und Bayern ist man seit Jahrhunderten im Besitz ausgezeichneter Pfefferkuchenrezepte. Unweit von Köln, konkret gesagt im rheinländischen Aachen, werden offiziell seit dem Jahr 1820 die berühmten Aachener Printen hergestellt. Die Rezeptur über die exakte Zusammenstellung unterschiedlicher, erlesener Gewürze, welche den unverkennbaren Geschmack dieses Weihnachtsgebäcks ausmacht, ist allerdings schon viel, viel älter und wäre um 1656 beinahe verlorengegangen, hätte es damals nicht einen furchtlosen Bäckerei-Azubi gegeben. Und dies hier ist seine Geschichte:

Bildquellenangabe:Heinz Ober  / pixelio.de

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Im Besitz des Lehrmeisters dieses Bäckerjungen befand sich ein wertvolles Rezeptbuch, in welchem auch die Zubereitung der Aachener Printen detailliert beschrieben war. Aber ausgerechnet die Backstube dieses tüchtigen Mannes sollte am 02. Mai 1656 der Auslöser für einen katastrophalen Großbrand werden. Der Bäckereimeister ließ bei diesem Desaster sein Leben, und seine streng geheime Rezeptsammlung fiel ebenfalls dem Feuer anheim. Alle restlichen Bäcker Aachens, die den großen Stadtbrand überstanden hatten, versuchten nun auf ihre Weise, die Rezeptur der Aachener Leibspeise zu kopieren. Sie gaben wirklich ihr Bestes, jedoch es wollte ihnen einfach nicht gelingen!

Bildquellenangabe:FotoHiero  / pixelio.de

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Unserem Bäckerlehrling, der inzwischen bei einem anderen Meister sein Handwerk weiter erlernen durfte, kam schließlich der rettende Gedanke. Einem Geistesblitz gleich schoß ihm ein schon lange zurückliegendes Gespräch mit seiner Großmutter durch den Kopf. Die schlaue alte Dame hatte ihm einstmals anvertraut, dass Karl der Große zu seiner Zeit ebenfalls ein großer Verehrer der Aachener Printen gewesen sei. Um dem beliebten Herrscher gebührend zu huldigen, hätte man ihm nach seinem Tod anno 1814 sogar eine Aufzeichnung des vertraulichen Rezeptes als Grabgabe mit auf seinen letzten Weg gegeben. Dem Jungen wollte allerdings auf Teufel kaum raus nicht einfallen, wo genau sich die letzte Ruhestätte des Kaisers befand. Gerade in diesem Moment erschien der soeben erwähnte Pferdefüssige auf dem Plan. “Sag Du mir, wo ich den Schlüssel zur Stadtkasse finde, dann verrate ich Dir, wo die Gruft des Kaisers ist.”, schlug der Leibhaftige dem Bäckerlehrling vor. Der Junge hatte zwar nicht den geringsten Schimmer, wo sich der begehrte Schlüssel befand, aber was hatte er schon zu verlieren?! Also willigte er spontan in den ihm vorgeschlagenen Deal ein.

Der Reichsapfel in den Händen Karls des Grossen im Aachener Rathaus Bildquellenangabe:Maren Beßler  / pixelio.de

Der Reichsapfel in den Händen Karls des Grossen im Aachener Rathaus
Bildquellenangabe: Maren Beßler / pixelio.de

Genau zur Mitternacht zeigte der Teufel dem Bäckerlehrling den Sarg des Kaisers. Mit lautem Knarzen öffnete sich der schwere Deckel, und dem Jungen lief ein eiskalter Schauer nach dem anderen über den Rücken, als die Überreste des einstigen Herrschers über das Fränkische Reich tatsächlich das Reden begannen. “Wer bist Du und wieso wagst Du es, meine letzte Ruhe zu stören?”, fragte das kaiserliche Skelett mit klapperndem Gebiss den vermeintlichen Frevler. Dieser hatte sich erstaunlich schnell ein Herz gefasst, und so begann er Karl dem Großen ohne Zögern von dem fürchterlichen Unglück, welches seine ehemalige Residenzstadt kürzlich heimgesucht hatte, Bericht zu erstatten. Karl der Große schien Aachen und seinen Einwohnern selbst nach so vielen Jahren noch wohlgesonnen. Bedächtig kramte das Skelett in seinem Sarg herum und bekam schließlich eine, vom Zahn der Zeit schon stark mitgenommene, Schriftrolle zu fassen. Dieselbige drückte der dem Jungen in die Hand und schlief dann sofort wieder ein, so als wäre nie etwas geschehen.

Bildquellenangabe:Ilka Plassmeier  / pixelio.de

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Freudestrahlend ging der Junge schnurstracks zur Bäckerei seines Meisters, wo allsbald damit begonnen wurde, den Teig zu mischen und die Bleche zu füllen. Die Backöfen dieser Bäckerei liefen von nun an ohne Unterlass. Der Bäckermeister konnte sich vor Kunden kaum noch retten und irgendwann, als er in seinen verdienten Ruhestand ging, übergab er seinem einstigen Lehrling, der ihm mit seinem mutigem Einsatz erst zu dem riesigen Erfolg verholfen hatte, die nahmhafteste Bäckerei Aachens.

Bildquellenangabe:Ilka Plassmeier  / pixelio.de

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Wie zu erwarten war, hatte der Teufel das Abkommen jedoch über die Jahre ebenfalls nicht vergessen. Eines schönen Morgens stand er in der Backstube, um seinen Handelspartner nachdrücklich an seine immer noch ausstehende Gegenleistung zu erinnern. Um Zeit zu schinden, bot ihm der Bäcker eine der appetitlich duftenden Printen an, die er gerade erst aus dem Ofen gezogen hatte. Von da an war der Teufel nicht mehr zu stoppen. Gierig verschlang er einen Lebkuchen nach dem anderen. Noch zwei weitere volle Bleche musste der Bäcker aus den Backöfen ziehen, und diese wurden ebenfalls ratzekahl gegessen. Das Resultat dieser Lüsternheit ließ jedoch gar nicht lange auf sich warten. Die köstlichen Aachener Printen als “schieres Teufelszeug” bezeichnend, kullerte sich der Satan bald darauf mit höllischen Bauchschmerzen auf dem Boden der Backstube herum. Zischend und krachend verzog der Böse sich letzten Endes für immer in die Hölle. Drum liebe Leser, seit auf der Hut, zuviele Lebkuchen tun selbst dem Teufel nicht gut!

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