Die Kindermörderin aus den Berchtesgadener Alpen

Es gibt eine ganze Reihe von Verbrechen, die sind entschuldbar. In einer Vielzahl von Fällen wird den Übeltätern sogar die Chance auf eine soziale Rehabilitation gewährt. Es gibt jedoch auch Straftaten, deren Begehung früher genauso unverzeihlich waren wie sie auch heute noch sind. Zu solch schweren Vergehen zählt der Mord an unschuldigen Kindern. Wer sich an den wehrlosesten Wesen der Gesellschaft vergreift, hat selbst im Knast ein schweres Leben, und wird von seinen Mitmenschen auf ewige Zeiten gemieden und ausgestoßen.

Bildquellenangabe: Andreas Hermsdorf  / pixelio.de

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Mit dieser Sage möchte ich Sie ins Berchtesgadener Land entführen. Dorthin, wo ehedem ein hübsches, junges Mädchen namens Agnes lebte. In unserer Zeit wäre Agnes wohl so etwas wie Schulkönigin oder zumindest Klassensprecherin geworden, denn sie war in ihrem gesamten Umfeld überaus beliebt. In ihrem kurzen Leben galt sie immerhin als Tanzkönigin ihres Dorfes, und die jungen Männer rannten ihr in Scharen hinterher. Die anderen Mädchen rissen sich darum, mit Agnes befreundet zu sein, und erhofften sich dadurch, mit ihr gemeinsam im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses stehen zu dürfen.

Bildquellenangabe: Rainer Sturm  / pixelio.de

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Dass ein unerfahrenes Mädchen wie Agnes all die Aufmerksamkeit, die ihr zuteil wurde, in vollen Zügen genoss, ist vollkommen einleuchtend. Ihr Verhängnis traf die hochmütige Dorfschönheit auf einem Hochzeitsfest, auf welchem es ihr gar gelang, die strahlende Braut in den Schatten zu stellen. Einer der männlichen Gäste, der Agnes immer wieder zum Tanz aufforderte, war in der Ortschaft bis dato gänzlich unbekannt gewesen. Es handelte sich um einen jungen Jägersmann, der Agnes auf der Stelle mit seinem sprühenden Charme in seinen Bann zog. Dass er sich von der gemeinen Dorfjugend schon allein wegen seines andersartigen Aussehens abhob, verstärkte die Anziehungskraft, die er auf Agnes ausübte, noch um einiges mehr. Mit leuchtenden Augen musterte sie seine langen, lockigen Haare und bewunderte seinen braungebrannten, südländischen Teint. Selbst die Narbe, die der Jäger im Gesicht trug, verunstaltete ihn nicht. Sie betonte eher noch seine ausgeprägt männliche Ausstrahlung.

Es kam wie es kommen musste. Der attraktive Fremde verdrehte Agnes an diesem Abend vollkommen den Kopf. Schnell kam der Casanova zu seinem eigentlichen Ziel. Noch in der gleichen Nacht schenkte Agnes ihm ihre Jungfräulichkeit.
Wie heute so mancher Teenager sehnsüchtig auf den Anruf oder die SMS danach wartet, so hielt Agnes nach der heißen Liebesnacht ebenfalls vergeblich nach einem Zeichen von ihrem Geliebten Ausschau. Doch niemals wieder ließ der Schürzenjäger sich bei ihr blicken.

Bildquellenangabe: jutta wieland  / pixelio.de

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Bald darauf nahm Agnes drastische Veränderungen an ihrem Körper war. Ihr Busen begann sich zu straffen, sie wurde von morgendlicher Übelkeit gequält und ihre Monatsblutung blieb gänzlich aus. Dem stolzen Mädel war es vollkommen elend zumute. Um ihre Not verstehen zu können, muss man wissen, dass es zu damaligen Zeiten nicht nur in der Abgeschiedenheit der oberbayerischen Dörfer eine große Schande bedeutete, ein uneheliches Kind zur Welt zu bringen.
Die seinerzeit üblichen langen, weiten Röcke ermöglichten es Agnes, ihre ungewollte Schwangerschaft vollkommen vor ihren Mitmenschen zu verbergen.

Die Zeit ihrer Niederkunft rückte jedoch unaufhaltsam näher. Eines Tages war sie im Wald unterwegs, um Beeren zu pflücken. Da dies in ihrem Zustand kein leichtes Unterfangen mehr war, ruhte sie sich auf einem Felsen am Dreisesselberg aus und wurde genau an dieser Stelle von den einsetzenden Geburtswehen überrascht. Ohne jegliche Hilfe brachte sie dort oben ihren kleinen Sohn zur Welt. Doch als sie das winzige Baby das erste Mal in ihren Armen hielt, siegte abermals ihr übermäßiger Stolz und ihre Eitelkeit.
Warum sollte ausgerechnet sie sich dem Gespött und dem Getuschel der Dörfler aussetzen? Unbarmherzig schlossen sich ihre Hände um den zarten Hals des wehrlosen Jungen und drückten zu…

Bildquellenangabe: Ursula Kröll  / pixelio.de

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Doch wenn sie dachte, es hätte keine Zeugen für ihre schreckliche Tat gegeben, hatte sie sich arg getäuscht. Eine höhere Macht wie das weltliche Gericht, sandte augenblicklich das Urteil. Der Himmel öffnete sich und entlud einen grellen Blitz direkt auf ihr Haupt. Seitdem steht die Steinerne Agnes wie ein absonderliches Monument im bayerischen Lattengebirge und wird neuerdings sogar in der Liste ausgezeichneter Nationaler Geotope Deutschlands aufgeführt.

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2 Antworten auf Die Kindermörderin aus den Berchtesgadener Alpen

  1. Anja sagt:

    Moin Barbara,

    jetzt hast Du mich direkt neugierig gemacht, und mir bleibt nichts anderes übrig wie die alten Klassiker wieder auszugraben, sprich Friedrich Schiller =)

    Wünsche auch Dir eine wunderschöne Woche
    Anja

  2. Barbara sagt:

    Guten Morgen, Anja!

    Mit Mörderinnen und Mördern gehe ich hart zu Gericht. Für mich sind ihre Taten in keinem Fall relativierbar und deshalb auch nicht entschuldbar. Wer eine solche Untat verübt, lädt Schuld auf sich. Da hilft die „beste“ Entschuldigung des Täters oder der Täterin nichts, da hilft kein Beichten und keine „Gottesvergebung“, da hilft kein geringes Strafmass. Schuld ist und bleibt. Und die eigentliche und wirkliche Strafe ist, dass jeder und jede mit dieser Schuld das ganze Leben leben muss. Eine andere Frage ist die die Resozialisierung. Im Zweifelsfalle und zum Schutze zukünftger Opfer denke ich, müsste man hier strikter vorgehen. Aber das steht hier nicht zur Debatte.

    Nun zu Agnes: Ich sehe da zwei Versionen.

    Version 1) von Agnes. Da lebt ein Mädchen in einer Gesellschaft, die Frauen mit unehelichen Kindern verstösst. Nun wird sie selber Mutter ohne Mann. Welche Handlungen bieten sich ihr an? Sie sieht nur noch den Mord an ihrem Baby als Lösung ihres Problems. Wieso hat sie keine Alternativen? Sie hätte beispielsweise einen armen Bauern heiraten können, sie hätte… Aber sie handelt in diesem Falle unvernünftig, sprich: dumm.
    Dass Agnes schön war und sogar eine Braut ausstach, das glaube ich weniger. Das denke ich, sind Zutaten, die der Legende später beigemischt wurden. Auf keinen Fall nämlich sollte Verständnis für die Übeltäterin aufkommen. Und mit Garantie: Dies wäre passiert, hätte man sie als scheues, sanftmütiges, ängstliches und unbedarftes Bauerntrampelchen beschrieben, das vielleicht noch im Geburtsstress eine solche Tat verübte.

    Nun zu Version 2) von Agnes: Da lebt ein intelligentes, selbstbewusstes und schönes Mädchen in einer Gesellschaft, die Frauen mit unehelichen Kindern verstösst. Nun wird sie selber Mutter ohne Mann. Welche Lösungen bieten sich ihr an? Sie sucht mach Handlungsalternativen. Sie entscheidet sich, heimlich ihren Heimatort zu verlassen und in der Ferne ihr Glück zu suchen.
    Ich hoffe schwer, dass Agnes und ihrem Kind das Glück zur Seite stand!
    Dass Agnes schön war und sogar eine Braut ausstach, das passt in diesem Fall. Und die Steinfrau und der „erdichtete“ Kindsmord auch. Wie hätte man sonst das Verschwinden einer jungen Frau erklären sollen? Wir dürfen nicht vergessen, dass die Legenden aus einer Zeit stammen, in der intelligente und selbstbewusste „Hexen“ nicht gefragt waren.

    Wir werden nicht herausfinden könne, ob Agnes 1 oder Agnes 2 die Realität war. Realität aber ist, dass Kindtötungen durch uneheliche Mütter früher ein Thema waren. Kein geringerer als Friedrich Schiller hat sich im Gedicht „Die Kindsmörderin“ diesem Thema angenommen.

    Immer wieder bin ich erstaunt, wie Sagen oder Legenden den „Nagel auf den Kopf“ treffen. Sie zeigen, was in einer Gesellschaft verwerflich ist. Im Falle von Agnes war es nicht nur der Kindsmord. Die Legende wurde auch so mit „Zutaten“ versehen, die es unmöglich machen, dass Verständnis aufkommt. Und genau das ist auch ein Punkt: Es darf kein Verständnis für Mord geben.

    Ich wünsche allen einen guten Start in die letzte Oktober-Woche
    Barbara SMILE

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