Die schlafende Hexe in den Berchtesgadener Alpen

In klassischen Märchenbüchern werden Illustrationen von Hexen fast immer mit einer langen Hakennase sowie einem langen, spitzen Kinn dargestellt. Selbst im Fernsehen sieht es nicht viel anders aus. Ich brauche da nur an die Baba Yaga aus den alten russischen Märchenfilmen aus meiner Kinderzeit zu denken.

Schauen Sie sich nun einmal ganz genau dieses Foto an. Nehmen Sie sich ein wenig Zeit, und lassen Sie dabei Ihrer Phantasie völlig freien Lauf.

Bildquellenangabe: Annamartha  / pixelio.de

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Sieht es nicht ganz danach aus, als befände sich ganz rechts im Bild der hässliche Kopf einer überdimensionalen, ruhenden Hexe?
Bei dem abgebildeten Gebirgsmassiv handelt es sich eigentlich um den Rotofen, einem Teil des Lattengebirges in der Nähe Berchtesgadens. Im volkstümlichen Sprachgebrauch wird dieser Berg jedoch tatsächlich “die Schlafende Hexe” genannt. Und natürlich existiert dazu auch eine uralte Geschichte, die darüber berichtet, warum die versteinerte Hexe seit ewigen Zeiten hier in den Alpen liegt.

Bildquellenangabe: sigrid rossmann  / pixelio.de

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Es war am Ende des 6. Jahrhunderts als die Christianisierung in immer größeren Teilen Bayerns Einzug hielt. Da lebte in den Berchtesgadener Alpen eine kräuterkundige Frau. Da sie trotz der wirksamen Hilfe, die sie vielen Menschen aus der Umgebung angedeihen lassen hatte, schon bald als Hexe verschrien war, zog sie sich ganz in die stille Einsamkeit des östlichen Lattengebirges zurück. Da sie wusste, dass die Wurzeln allen Unheils bei den verbohrten Doktrin, die die Kirchenmänner verbreiteten, zu suchen waren, manifestierte sich in ihr ein tiefer Hass auf das Christentum und seine Anhänger.

Mystische Nebel im Lattengebirge Bildquellenangabe: Marco Barnebeck  / pixelio.de

Mystische Nebel im Lattengebirge
Bildquellenangabe: Marco Barnebeck / pixelio.de

Immer wieder kam es vor, dass sich christliche Missionare und Pilger an den beschwerlichen Aufstieg zum Pass Hallthurm heranwagten. Die Sage berichtet davon, dass sie dort oben am Grab des Heiligen Zeno beten wollten, was ich für höchstunwahrscheinlich halte, da sich die letzte Ruhestätte dieses Bischofs nachweislich in Verona befindet. Jedenfalls trat die verbitterte Kräuterfrau den Wanderern stets in den Weg und bot ihnen ein Getränk zur Erfrischung an. Die dargebotenen Drinks enthielten stets einen ordentlichen Anteil eines hochwirksamen Pflanzengiftes, welches die frommen Christen auf direktem Wege in das von ihnen so hochgepriesene Paradies beförderte. Zur Abwechslung soll die Hexe auch gern ganze Steinlawinen ins Rollen gebracht haben. Der Effekt, die Schar der unliebsamen Christen etwas auszudünnen, war dabei der gleiche.

Bildquellenangabe: Günter Havlena  / pixelio.de

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Angeblich soll es der Heilige Martinus gewesen sein, der einem großen herabfallenden Felsen, welchen die Einsiedlerin in Bewegung gesetzt hatte, rechtzeitig ausweichen konnte. Da Martin von Tours jedoch im Zeitraum von 316 bis 397 lebte, erscheint mir auch dieser Teil der Sage wenig glaubhaft. Wer aber immer dieser Mann Gottes auch gewesen sein mag, er riss sich sein Kruzifix vom Hals und streckte es der Hexe beschwörend entgegen. Die Mörderin wurde daraufhin von einer gewaltigen, unsichtbaren Macht zu Boden geworfen und verwandelte sich augenblicklich zu Stein. Seitdem bietet ihre Silhouette den bizarren Anblick, der auch heute noch von Bad Reichenhall und Berchtesgaden aus weithin sichtbar ist und eine gelungene Herausforderung für unser Vorstellungsvermögen abgibt.

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