Ein Schafhirte rettet den größten Stadtteil Ludwighafens

Ludwigshafen um 1912 - Blick auf die Anilin- und Sodafabrik

Ludwigshafen um 1912 – Blick auf die Anilin- und Sodafabrik

Ludwigshafen, die große Stadt am linken Ufer des Rheins, ist noch verhältnismäßig jung an Jahren. Sie ging 1853 aus einem Industriegebiet der Badischen Anilin- und Sodafabrik, besser als BASF bekannt, hervor. Auf eine wesentlich längere und um einiges bemerkenswertere historische Vergangenheit blickt allerdings der Ludwigshafener Stadtteil Oggersheim zurück, denn der darf heuer stolz auf immerhin schon 1.250 bewegte Jahre sein.

Dass das schöne Oggersheim als Ortsteil heute überhaupt noch existiert, haben die Einwohner dem herausragenden Mut eines einzelnen Mannes zu verdanken. Ein schönes Beispiel wie Zivilcourage schier Berge versetzen kann und den Lauf der Geschichte positiv zu beeinflussen vermag. Hans Warsch war nicht nur ein einfacher Schafshirte, er rettete durch seine große Tapferkeit tatsächlich einen ganzen Stadtbezirk.

Im fürchterlichen Dreißigjährigen Krieg wurde die deutsche Erde nicht nur durch die nordmännischen Heere der Schweden arg geschunden. Die Truppen der Spanier zogen gleichfalls brandschatzend und mordend durchs Land und hinterließen großes Not und Elend auf all ihren Wegen. Als sie die Pfalz erreichten und anno 1621 immer weiter in die Gestade des Rheins vordrangen, verließ die Bevölkerung Oggersheims von Panik erfüllt die Stadt. Fast alle zogen sie durch die Stadttore, um Schutz im naheliegenden Umland zu suchen, bis auf eine kleine Familie, für die diese Möglichkeit der Flucht einfach nicht gegeben war.

OggersheimHans Warschs junge Ehefrau hatte gerade erst ein Baby zur Welt gebracht und war daher nicht imstande mit dem Säugling ins Ungewisse zu fliehen. Niemals wäre es Hans Warsch in den Sinn gekommen, seine Lieben im Stich zu lassen, nur um seinen eigenen Hintern zu retten. Also bewahrte er ruhig Blut, fasste sich ein Herz und verschloss, nachdem die Ratten sozusagen das sinkende Schiff verlassen hatten, sorgfältig die Tore der Stadt. Tollkühn erklomm er danach die Stadtmauern und verkündete dem Spanier Don Córdoba von dort oben folgende Worte: “Ich werde die Tore nur für Euch öffnen, wenn ihr das Ehrenwort darauf gebt, unsere Leben zu verschonen und unser Eigentum zu achten. Anderenfalls sind wir bereit zu kämpfen, bis zum letzten Atemzug.”.

Oggersheim in der Pfalz

Oggersheim in der Pfalz

Nie hätten die spanischen Invasoren damit gerechnet, dass sie es hier tatsächlich nur mit einzigem Mann zu tun hatten. Sie nahmen vielmehr an, hinter den Mauern erwarte sie eine aufgebrachte, zum äußersten bereite Masse. Don Córdoba war ein vernünftiger Mann und bevorzugte eine rasche, reibungslose Eroberung statt endlosem Blutvergießen. Nach einer sehr kurzen Bedenkzeit gab er Hans Warsch darum sein Manneswort. Sicherlich war der Anblick der verblüfften, spanischen Gesichter Goldes wert, als Hans die Tore öffnete und eine nahezu leere Ortschaft offenbar wurde.

Selbst wenn der spanische Befehlsführer keinen Eidschwur abgelegt hätte, war er darüber hinaus so tief beeindruckt und gerührt von der Unverzagtheit des Familienvaters, dass er seinem Heer Order gab, der Familie Hans Warschs bloß kein Haar zu krümmen und jeden Stein Oggersheims auf dem anderen zu lassen. Obwohl Hans Warsch der verhassten lutherischen Religion angehörte, stand Don Córdoba sogar Pate bei der Taufe des kleinen Pfälzer Erdenbürgers.

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