Ein Trip ins Reich des durchgeknallten Märchenkönigs

Vorab gesagt: Ich wollte nie nach Bayern! Die weiß-blaue Weißwurstzipfelzone war für mich jahrelang nur gleichbedeutend mit einer erzkonservativen Landesregierung und einer übermäßig idealisierten, ach so heilen Bergwelt, aus der Alleweil nervtötende Musikantenstadl-Töne erklangen. Mein letzter Kurzbesuch in München, der nur zustande kam, weil ich beim Kauf der Karten für Veritas Maximus nicht darauf geachtet hatte, dass der Konzerttag ausgerechnet mit dem letzten Wochenende des Oktoberfestes zusammenfiel, gab meinen Vorurteilen gegen das arrogante, zänkische Bergvolk nur noch zusätzliches Futter. Aber wer sich für deutsche Sagen und Mythen interessiert, kommt nun einmal am südlich gelegensten Bundesland nicht vorbei. Vor allem weil hier vor knapp über einem Jahrhundert noch ein Mann herrschte, der selbst zur Legende wurde.

Hohenschwanstein 003Es gibt unzählige Postkarten- und Bildmotive vom Schloss Neuschwanstein. Im Ausland soll es gar das bekannteste Gebäude sein, welches man mit einer Reise in unser Land assoziiert. Beim Anschauen des Vorspanns von Walt Disney-Filmen fällt einem augenblicklich die Ähnlichkeit mit unserem deutschen Märchenschloss ins Auge. Um meine Neugierde zu befriedigen und das achte Weltwunder endlich selbst aus der Nähe zu sehen, musste ich deshalb über meinen eigenen Schatten springen und die Alpen nicht wie sonst gewohnt nur von oben aus dem Flugzeug heraus betrachten. Also suchte ich kurzerhand eine hübsche Bleibe im 3000-Seelen-Örtchen Schwangau, und um meinen Schatz eine kleine Burzeltagsüberraschung zu bereiten, fiel die Wahl auf eine Juniorsuite mit Indoor-Whirlpool im Hotel Kleiner König im Vorort Horn.

Hohenschwanstein 001Schwangau-Horn liegt gerade einmal zwei Bushaltestellen vom Bahnhof Füssen entfernt, und bereits bei der Ankunft zog die prächtige Silhouette vom Vermächtnis des exzentrischen, vorletzten Bayernkönigs unsere Blicke auf sich. Gleich am nächsten Morgen machten wir uns auf, um im laut Wegweiser nur 2,1 Kilometer entfernten Ticketcenter Hohenschwangau die erforderlichen Eintrittsgelder für die Besichtigungstouren zu entrichten. Wenn Engel reisen, lacht bekanntlich der Himmel. Hoch überm Säuling breitete sich ein strahlendes Blau aus. Und ich, die ja eigentlich um Berge stets einen großen Bogen macht und Urlaub im Flachland und am Meer bevorzugt, musste erstaunt feststellen: Hier ist´s ja wirklich wunderschön!

Hohenschwanstein 005Durch vorhergehende Internetrecherchen bestens vorbereitet, schockte uns die Warteschlange im Ticketcenter nicht übermäßig. Was soll´s, ich bin schließlich Ossi und konnte die früheren sozialistischen Wartegemeinschaften noch nicht gänzlich aus dem Gedächtnis streichen. Es ging dann doch relativ zügig voran und bald hielten wir unsere Schwanen-Tickets in der Hand, eine Kombination der Besichtigungsgenehmigungen für die Schlösser Hohenschwangau und Neuschwanstein sowie das Museum der bayerischen Könige direkt am Alpsee. Allerdings konnten wir bereits zu diesem Zeitpunkt nachempfinden wie sich der Ami damals in Pearl Harbor gefühlt haben muss. Um uns herum wimmelte es von Japanern. Die Aussage, dass Neuschwanstein den abschließenden Höhepunkt einer jeden Deutschlandrundreise der Asiaten bildet, war hiermit eindeutig bestätigt.

Hohenschwanstein 091Sechzig Minuten verblieben uns nun, um bis zum Beginn der Führung hinauf zu unserem ersten Ziel zu gelangen. Genügend Zeit für eine kurze Nikotin- und Kaffeepause, denn der Fußweg zum Schloss Hohenschwangau ist nicht sehr beschwerlich und selbst für Ungeübte in 20 min leicht zu bewältigen. Maximilian von Bayern, der Vater unseres Märchenkönigs, entdeckte auf dem Gelände 1829 eher zufällig eine verfallene Burg. Dass er sich auf der Stelle für einen Wideraufbau dieser mittelalterlichen Wehranlage entschloss, ist sehr leicht nachvollziehbar, wenn man sich innerhalb der Schlossmauern befindet und hinunter zum idyllisch, zwischen den Bergmassiven eingebetteten Alpsee oder weiter hinten ins Land bis zum bedeutend größeren Forggensee schaut. Die das Schloss umgebenden Anlagen sind einfach bezaubernd und vermitteln bei weitem mehr das Gefühl einer Anderswelt, als ich es später innerhalb der doch eher kühl wirkenden Kalksteinmauern Neuschwansteins empfand.

Hohenschwanstein 118Die restliche Wartezeit bis zum Einlass ins Innere verging nun fast etwas zu schnell. Und nun kommt auch schon der kleine Wermutstropfen: Etwa 1,3 Millionen Touristen kommen jährlich zu den beiden Schlössern ins Allgäu. Wahrlich eine Menge Leute, die sich auf vergleichsweise kleinem Terrain zusammendrängen. Wen wundert es also noch, dass die Besichtigungstouren auf 30 min zeitlich begrenzt sind? Doch trotz dieser zeitlichen Einschränkung lohnt sich der Besuch. Schon auf der breiten Wendeltreppe hinauf zu den Gemächern von Königin Marie lief mir ein wohliger Schauer über den Rücken. Sollte ich mich vielleicht doch einmal auf eine Rückführungstherapie einlassen, um herauszufinden worauf meine Schwäche für alte Gemäuer beruht? In den gemütlichen Räumlichkeiten des kleinen Wohnschlosses stechen sofort die romantischen Wandmalereien Moritz von Schwinds hervor. Einige mögen diese bunten Kunstwerke nun sicherlich als Kitsch abtun. Ich aber fand sie einfach phantastisch und hätte sie ewig lang betrachten können. Vor allem das Schlafzimmer Maximilians mit dem von zwei Drachen gezogenen Streitwagen der Zauberin Armida hinter dem königlichen Bett hatte es mir angetan. Von der ferner von König Ludwig mit einem ausgeklügelten Beleuchtungssystem ausgestatteten Sternendecke grüßt Eule Hedwig hinab, obwohl den bayerischen Herrschern Harry Potter zu jener Zeit noch gar kein Begriff sein konnte.

Hohenschwanstein 132Jedenfalls verging die Zeit auf Hohenschwangau viel zu schnell, und da die Führung durch Neuschwanstein sich nur zwei Stunden später unmittelbar anschloss, war leider höchste Eile geboten, denn bei nicht rechtzeitigem Erscheinen verlieren die Eintrittskarten ihre Gültigkeit. Also ließ ich das Domizil meiner Träume schweren Herzens hinter mir, und wir uns gemütlich von der Kutsche eines Allgäuer Natur- und Pferdeburschen zurück zum Ticketcenter befördern. Dort angekommen einfach auf das nächste berittene Gefährt Richtung Neuschwanstein umzusteigen war ein schier aussichtsloses Unterfangen. Richtig! Die Offensive der Japaner erwies sich auch hier als äußerst erfolgreich! Also fix zum Bus gehastet. Umfallen darinnen absolut unmöglich, und auf der engen, kurvenreichen, steil nach unten abfallenden Bergstraße, die nun vor uns lag, bloß nicht nach unten geguckt!

Hohenschwanstein 127Drei Stossgebete weiter wurden wir etwas oberhalb von Schloss Neuschwanstein abgesetzt und ließen den tollen Panoramablick ins Tal erst einmal in Ruhe auf uns wirken. Für ausreichende, unterhaltsame Erheiterung sorgten bald darauf auf dem Weg zu König Ludwigs Prachtbau unsere asiatischen Freunde, die sich sogar simple Blechsschilder mit der Einprägung “Neuschwanstein” keinesfalls als Fotomotiv entgehen ließen. Dass hier erheblich größerer Andrang wie auf Hohenschwangau herrscht, stellte sich alsbald heraus, so wie wir den Burghof betraten. Was hier in den Sommerferien und in der Hauptsaison für ein Andrang sein mag, mochte ich mir an dieser Stelle gar nicht vorstellen. Im Fünf Minuten-Rhythmus werden die Besichtigungsgruppen mittels elektronisch gesteuerter Anzeigetafel aufgerufen und dürfen das Drehkreuz passieren. Die Eindrücke, die im Inneren des Schlosses auf einen einwirken, sind beachtlich, mir persönlich jedoch viel zu pompös und überladen. Spätestens beim Durchschreiten der künstlich angelegten Tannhäuser-Tropfsteinhöhle, geht einem auf, dass bei Ludwig II. Genie und Wahnsinn ebenfalls ganz eng beieinander gelegen haben müssen. Die Bilanz, die ich für mich zog: Aus der Ferne betrachtet sieht Neuschwanstein doch am reizvollsten und um ein Vielfaches märchenhafter aus wie wenn man sich inmitten von Menschenmassen durch seine Mauern begibt.

Ludwig IIUnd doch hat mich der Besuch der beiden Schlösser mit Neugier erfüllt. Wer war dieser bayerische König, dessen Leben im Starnberger See so ein jähes, frühzeitiges Ende fand? Viele Mythen ranken sich um sein Leben. Böse Zungen behaupten, nicht Maximilian von Bayern sondern sein italienischer Kammerdiener habe das Königskind gezeugt. Homosexuell soll Ludwig II. gewesen sein, was eine Erklärung dafür sein könnte, wieso er die Verlobung zu Sissis bildschöner, kleiner Schwester löste. Man stelle sich das vor: Schwul! Zu jener Zeit und das auch noch im tiefkatholischen Bayern! Nun, ich jedenfalls will jetzt mehr über das Leben eines Mannes wissen, der seiner Zeit in vielem weit voraus war. Für die Nachfahren seiner ehemaligen Untertan hat sich sein Schwur “Was immer in meinen Kräften steht, will ich tun, um mein Volk zu beglücken…” wie es scheint erfüllt, denn wir beobachteten auf unserer Kurzreise, dass die ganze Region von dem, von ihm hinterlassenen Erbe profitiert. Wobei ich eine gehörige Lanze für die von mir anfangs vorschnell als “zänkisches Bergvolk” bezeichneten Einheimischen brechen muss. Die Allgäuer zeichnen sich durch zuvorkommende Freundlichkeit gegenüber den geldbringenden Besuchern ihres entzückenden Landstriches aus.

Zurück in Nürnberg angekommen, habe ich mir einige Bücher über Ludwig II. von Bayern aus der Stadtbibliothek besorgt und bin nun ganz gespannt darauf, was ich beim Lesen noch herausfinden werde.

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