Mit dem Dudelsack gegen Pestilenz und Tod

Da ich gestern meinen einzigen arbeitsfreien Tag in dieser Woche hatte, beschlossen wir das für die Jahreszeit ungewöhnlich warme Wetter für einen ausgiebigen Spaziergang auszunutzen. Nachdem wir uns in der Brasserie “Prisma” in der Nähe des Nürnberger Plärrer dank “Schlemmerblock” ein preiswertes, aber extrem reichhaltiges und leckeres Mittagessen schmecken lassen hatten, lenkten wir unsere Schritte diesmal am Burggraben entlang Richtung Unschlittplatz. Unser Ziel war ein kleiner, eigentlich recht unscheinbarer Brunnen, den ich bezüglich seiner erstaunlichen Geschichte selbst gern einmal in Augenschein nehmen wollte.

Dudelsackpfeifer 017Durchzechte Nächte entschuldigten und verharmlosten wir in früheren Zeiten bereitwillig mit solch scherzhaft gemeinten Worten wie “Alkohol desinfiziert.” oder “Räucherware hält sich länger.”. Das mickrig wirkende, mit einem Dudelsack bestückte Männlein, welches auf besagtem Brunnen dargestellt ist, könnte den Beweis dafür liefern, dass wir mit unseren humorvoll dahingesagten Bemerkungen doch nicht ganz so falsch lagen.

In früheren Zeiten rollten entsetzliche Pestepidemien immer wieder über die ehrwürdige Kaiserstadt hinweg. Im vorigen Sommer hatte ich dieses Thema in meinem Blogbeitrag über den Friedhof St. Johannis bereits einmal aufgegriffen. Anno 1522 war es erneut so weit. Die Seuche wütete in den Straßen Nürnbergs und lechzte gierig nach Opfern. In jenen bedrückenden Tagen lebte hier ein Musiker, der zur Unterhaltung der Gäste jeden Abend in unterschiedlichen Nürnberger Wirtshäusern auf seinem Dudelsack spielte. Der Mann scheint ziemlich trinkfest gewesen zu sein. Gerne ließ er sich, zum Dank für sein Dudelsackspiel, auf das eine oder andere Schnäpschen einladen, war trotz Tod und Elend um ihn herum stets gut gelaunt und immer frohen Mutes.

Dudelsackpfeifer 013Eines seiner Zechgelage hat er aber sicherlich sein ganzes Leben lang nicht mehr vergessen, und es führte sogar dazu, dass ihn die Nürnberger als Brunnengestalt verewigten und ihm damit ein Denkmal setzten. Nachdem der Dudelsackpfeifer eines Abends abermals gehörig einen über den Durst getrunken hatte, waren seine Füße so schwer, dass sie den Heimweg nicht mehr finden wollten. Noch dazu war sein Kopf vom Branntwein völlig vernebelt, und so legte er sich direkt vor der Kneipe, mitten auf der Straße zur Ruhe. Jeden Tag, noch bevor der Morgen graute, fuhr damals der Pestkarren durch die Stadt, um diejenigen, die die Nacht nicht überlebt hatten, einzusammeln und schleunigst außerhalb der Stadtmauern zu bringen, damit sich das Übel nicht noch mehr verbreiten konnte wie es ohnehin schon der Fall war. Auch der betrunkene Musiker wurde für eine Leiche gehalten, und so wurde er umgehend auf den Wagen befördert.

Dudelsackpfeifer 010Man stelle sich vor, man erwacht mit einem dicken Brummschädel und findet sich auf einem Berg voller stinkender, grauenvoll anzuschauender toter Körper wieder. Genau dies passierte unserem Dudelsackpfeifer. Er war so erschrocken, dass es ihm die Sprache verschlug. Zum Glück war er jedoch so geistesgegenwärtig, sich seines Dudelsacks zu bedienen, und er blies so markerschütternd auf dem Instrument, dass er damit dem Fuhrmann der grausigen Fracht eine Heidenangst einjagte. Augenblick stoppte dieser den Totenkarren und half dem, bis in die Knie schlotternden, Musikanten vom Leichenhaufen hinunter.

Das Grauen erregende Abenteuer des Dudelsackpfeifers machte anschließend in Nürnberg schnell die Runde. Ein jeder nahm an, der Musikant habe sich nun ebenfalls angesteckt und werde bald notgedrungen in St. Johannis seine letzte Ruhe finden. Der aber kam eigenartigerweise mit einem ordentlichen Schrecken davon und spielte noch viele Jahre in den Gastwirtschaften auf. Nie hat er aber nochmals soviel getrunken, dass er den Nachhauseweg nicht mehr fand.

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