Sah ein Knab ein Röslein stehn…

Bildquellenangabe: Lilo Kapp  / pixelio.de

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Zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen zählt eine Woche, die ich mit meinen Großeltern in dem kleinen Dörfchen Warnitz, welches bereits 1936 in die mecklenburgische Landeshauptstadt Schwerin eingemeindet wurde, verbrachte. Es schien als wäre die Zeit in der Ortschaft stehengeblieben. Die Schwester meiner Oma, bei der wir unser Quartier aufgeschlagen hatten, wohnte in einem kleinen, verträumten Bauernhäuschen unmittelbar neben den Bahnschienen. Ans Haus angeschlossen war ein wunderschöner Blumengarten, in dem besonders ein riesiger Busch Tränendes Herz ins Auge fiel. Obgleich wir das Jahr 1978 schrieben, holte Tante Martha noch Wasser am Brunnen vor dem Haus, welches herrlich erfrischend schmeckte. Mir klingen heute noch die Standpauken meiner Oma in den Ohren, die sich ständig Sorgen machte, ich könne mir von dem unabgekochten, kalten Brunnenwasser den Magen verderben.

Bildquellenangabe: Birgit Winter  / pixelio.de

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Hinter dem Häuschen lag eine große, ehemalige Pferdekoppel, auf der wir uns besonders gerne aufhielten und uns in Liegestühlen von der warmen Augustsonne bescheinen ließen. Diese Koppel wurde von zahllosen Heckenrosen eingerahmt. Mit sieben Jahren wusste ich natürlich noch nichts von Heavy Metal und Gothic-Musik, welche sich erst einige Jahre später zu meinen Leidenschaften mausern sollten, und so fiel es meiner Oma leicht, mich für Franz Schuberts “Heidenröslein” zu begeistern. Oma ist nun vor fast zwei Jahren im hohen Alter von 92 Jahren gestorben, aber immer wenn ich Heckenrosen-Sträucher sehe, muss ich an sie denken und höre sie ganz leise singen.

Bildquellenangabe: Michael Mertes  / pixelio.de

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So schön die blühenden Büsche der Heidreröschen anzusehen sind, um noch ein vielfaches nützlicher sind ihre reifen Früchte. Hagebutten sind unheimlich reich an Vitamin C und bereichern in Form von Marmelade und Tee so manchen deutschen Frühstückstisch. Mittelalterliche Apotheker verarbeiteten sie darüber hinaus zu einem Balsam, der gegen die Ruhr sowie andere entzündliche Magen- und Darmbeschwerden und sogar gegen Tripper helfen sollte.

Bildquellenangabe: Waldili  / pixelio.de

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Erst vor kurzem las ich in Hartwig Abrahams und Inge Thinnes Werk über Heilpflanzen “Hexenkraut und Zaubertrank”, dass sich ab und an in den Sträuchern der Heckenrosen seltsame, moosähnliche Auswüchse, die als “Schlafäpfel” bezeichnet werden, befinden. Diese werden durch die Gemeinen Rosengallwespen verursacht und sind nichts anderes wie die merkwürdigen Gebilde ihrer Larvengelege. Ehrlich gesagt, sind mir diese seltsamen Konstruktionen der Natur bis heute noch nie bewusst aufgefallen. Nun werde ich mir aber in diesem Sommer die Heckenrosen aufmerksamer betrachten, denn ihr Besitz soll, will man einem alten Mystizismus Glauben schenken, für einen tiefen, geruhsamen Schlaf sorgen. Ein Versuch kann nicht schaden. Hauptsache, es schlüpfen dann keine Wespen unter meinem Kopfkissen hervor…

Bildquellenangabe: Mariocopa  / pixelio.de

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Selbstverständlich findet eine solch hübsch anzuschauende Pflanze, die noch dazu in ganz Deutschland weit verbreitet ist, auch in mannigfaltigen Legenden immer wieder Erwähnung. Hexen und Werwölfe sollten einen großen Bogen um die Heideröslein machen, denn die Berührung dieser Büsche ginge mit ihrer sicheren Enttarnung einher.
Die berühmteste Legende um einen Rosenstrauch steht zweifellos in engem Zusammenhang mit der niedersächsischen Stadt Hildesheim. Der Sohn Karl des Großen, Kaiser Ludwig I., kam eines Tages bei einer Jagd vom rechten Weg ab. Vollkommen entkräftet legte er sich unter einem Rosenbusch nieder. Nachdem er ein Gebet gen Himmel geschickt und seine Kette mit einem goldenen Kreuz an den Busch gehängt hatte, wurde er an Ort und Stelle von einem tiefen Schlaf übermannt. Bei seinem Erwachen war die gesamte Umgegend tief verschneit, nur der Rosenstrauch trug, davon scheinbar völlig unbeeindruckt, noch immer seine volle Blütenpracht. Da ihn das Rosengewächs vor dem Erfrierungstod bewahrt hatte, lies er ihm zu Ehren an jenem Flecken den Hildesheimer Dom errichten. Der mittlerweile “1000jährige Rosenstock” wurde über die Zeit hinweg liebevoll gehegt und gepflegt und steht nun noch immer davor.

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