Vom Erbschaftskrieg zum Justizmord

20140410_162210Die erste Reise, die mein Lebensgefährte nach der Widervereinigung in die ostdeutschen Bundesländer unternahm, führte ihn ausgerechnet zu einem ehemaligen Umschulungskollegen nach Halle-Neustadt. Dass dieser Besuch in HaNeu für ihn mit einem derben Kulturschock einherging, ist für mich unschwer nachvollziehbar. Inzwischen konnte ich ihm jedoch einige weitaus schönere Flecken meiner alten Heimat zeigen, und habe so im letzten Urlaub sogar regelrechte Begeisterungsstürme in ihm entfacht.

Jahrelang musste er meine Schwärmerei für die Elbstadt Tangermünde über sich ergehen lassen. Nachdem ich ihn einen Tag lang quer durch die, von malerischen Fachwerkhäusern eingerahmten, Gassen der Tangermünder Altstadt und die sonnige Hafenpromenade hoch und runter geschleift hatte, konnte er meine Begeisterung restlos nachvollziehen. Vor dem Rathaus fiel auch ihm die Skulptur einer kleinen, schmächtigen Frau mit gefesselten Handgelenken ins Auge. Dies war der richtige Zeitpunkt, meinem Schatz die schicksalsschwere Geschichte der Grete Minde zu erzählen.

20140410_132435Im 14. und 15. Jahrhundert galt Tangermünde als reiche Hansestadt, und die trutzige Burg, deren Silhouette nach wie vor schon von weitem bezaubert, wenn man sich der Ortschaft von Fischbeck aus nähert, diente einige Jahre lang sogar Kaiser Karl IV. als zweitwichtigster Residenzsitz nach Prag. Den Einwohnern Tangermündes ging es ausgesprochen gut, doch dieser Umstand sollte sich am 13. September 1617 schlagartig ändern. An diesem Tag wütete ein verheerenden Großbrand in der Stadt an der Elbe, der fast alle Häuser zerstörte, und obendrein auf die St. Stephanskirche übergriff und deren Turm zum Einsturz brachte. Die tief bestürzten Bürger der Stadt waren fassungslos, und sie brauchten einen Schuldigen. Das Waisenkind Grete Minde war wie geschaffen dazu, den perfekten Sündenbock abzugeben.

20140410_150550Grete war die Nichte des schwerreichen Tangermünder Ratsherren Heinrich von Minden. Ihr Vater hatte eine katholische Spanierin geheiratet, was der protestantischen Familie Minden von Anfang an ein Dorn im Auge gewesen war. Nachdem der abtrünnige Peter von Minden auch noch des Mordes verdächtig aus Tangermünde floh und bald darauf an seinem Zufluchtsort starb, wollten die stolzen von Mindens nichts mehr mit Grete zu tun haben. In ihren Augen war es eine unverfrorene Dreistigkeit, dass die junge Frau nun den Erbteil ihres Vaters verlangte. Was darauf folgt ist ein schier endlos andauernder, schmutziger Erbschaftsstreit. Als die Stadt im September 1617 in Flammen aufgeht, ist diese Unglück für Heinrich von Minden ein gefundenes Fressen.

20140410_151417Seine unbequeme Nichte verdient sich ihren Lebensunterhalt mit dem Sammeln und dem Verkauf von Heilkräutern und ist darüber hinaus auch noch des Handlesens kundig. Und deutet ihre natürliche, flammend rote Haarpracht nicht zusätzlich daraufhin, dass Grete eine Hexe ist? Gewiss gelang es ihr mittels Zauberei, das katastrophale Feuer in Tangermünde zu entfachen. Schnell bestach er den korrupten Stadtdiener Andreas Lüdke die Hexe dingfest zu machen.

Der darauffolgende Prozess war nur noch reine Formsache und gipfelte in einem der gräulichsten Justizirrtümer der deutschen Geschichte. Die arme Grete landete zum Schluss auf dem Scheiterhaufen und wird sich wohl schon damals gedacht haben: “Ich glaube eher an die Unschuld einer Hure, als an die Gerechtigkeit der Deutschen Justiz.”.

20140410_145009 Doch nach ihrem furchtbaren Tod gingen die Brandstiftungen innerhalb der Stadtmauern unverdrossen weiter. Es sollte noch ganze vier Jahre dauern, ehe die Tangermünder in ihrem Stadtdiener Andreas Lüdke und seinen Komplizen Hans und Paul Horneburg die wahren Übeltäter erkannten. Letztere beiden konnten nie gefasst werden, doch Lüdke musste am 4. Mai 1621 ebenfalls den Flammentod erleiden.

Wenn Sie am Verhängnis der Grete Minde gerne etwas ausführlicher teilhaben möchten, dann rate ich Ihnen zur Lektüre des erschütternden, gut recherchierten Buches “Flammen über Tangermünde” der Autorin Hannelore Reimann. Im Tourismusbüro, gleich gegenüber dem Tangermünder Rathaus, kann man es für wenige Euros käuflich erwerben.

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Eine Antwort auf Vom Erbschaftskrieg zum Justizmord

  1. M.L.B. sagt:

    “Ich glaube eher an die Unschuld einer Hure, als an die Gerechtigkeit der Deutschen Justiz.”

    Auch ich versuche gerade mein Leben zu retten, in der Altmark geboren, um nicht ganz und gar so wie Grete Minde zu enden.

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