Wie der Nürnberger Henker einem Schulbuben das Leben rettete

Bildquellenangabe: Hartmut910  / pixelio.de

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Einer der ersten ausgiebigen Spaziergänge, die ich nach meiner Umsiedlung von Zwickau nach Nürnberg unternahm, führte mich entlang des Pegnitzufers durch die Altstadt. Seither zieht es mich immer wieder dorthin, denn gerade die Gegend um die Insel Schütt ist bei Sonnenschein äußerst idyllisch. Hier bei den Fachwerkhäusern am Fluss lässt sich das mittelalterliche Flair der Stadt definitiv am besten genießen.

Ganz am westlichen Ende des Trödelmarkt liegt der Henkersteg sowie auch das daran anschließende Henkerhaus, der ehemalige Wohnsitz des berühmtesten Nürnberger Scharfrichters Franz Schmidt. Dieser verrichtete in den Jahren 1573 bis 1617, also über einen Zeitraum von mehr als vierzig Jahren hinweg, sein grausames Handwerk in der Kaiserstadt.

Bildquellenangabe: Kladu  / pixelio.de

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Leicht hatten es die Angehörigen der Scharfrichter-Dynastien wahrlich nie. Der Beruf des Henkers galt, obwohl er ein unverzichtbares Glied der mittelalterlichen Gerichtsbarkeit darstellte, als schmutzig und unehrlich. Jeder normale Bürger hatte Horror davor, mit dem Henker in Berührung zu kommen. Die Wohnung des Henkers lag aus diesem Grund stets am äußersten Rande einer Stadt. Er war dazu verpflichtet, Kleidung zu tragen, die ihn bereits von Weitem äußerlich gut zu erkennen gab. Stattete er einem Wirtshaus seinen Besuch ab, um Durst und Hunger zu stillen, dann bekam er dort einen separierten Tisch in sicherer Entfernung von den anderen Gästen zugewiesen. Es versteht sich, dass es auch in den Kirchen nicht anders war. Wollte der Henker mit seiner Familie den Gottesdiensten beiwohnen, so traten sie als Letzte ein und setzten sich auf ihre angestammten Plätze in der hintersten Bankreihe.
Männlichen Nachkommen eines Henkers war das Erlernen eines anderen Berufes von vornherein verwehrt. Ihnen blieb gar nichts Anderes übrig, wie in die Fußstapfen ihrer Väter zu treten. Den Töchtern erging es nicht viel besser. Sie wurden mit den Sprösslingen anderer Henkersfamilien verheiratet. Es ist nur schwer vorstellbar, dass solche arrangierte Ehen eine glückliche Zukunft hatten.

Bildquellenangabe: Rolf Handke  / pixelio.de

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So sehr wie das gemeine Volk den Scharfrichter fürchtete, so stark brauchte es ihn aber auch. Jemand der wusste wie man folterte und gewaltsam Schmerzen zufügte, dem war schließlich auch bekannt wie man die Wunden wieder heilte. Zu den Aufgaben des Henkers gehörte es nicht nur, erbarmungslos die peinlichen Befragungen in den Folterkammern durchzuführen. Anschließend hatte er gefälligst dafür zu sorgen, dass die so Gequälten nicht schon vor der endgültigen Urteilsvollstreckung den Geist aufgaben. So kam es, dass ein guter Scharfrichter zwangsläufig auch in der Chirurgie und Heilkunde bewandert sein musste. Viele Menschen wussten von dieser Kunstfertigkeit des Heilens, die der Henker besaß, und schlichen sich daher bei Nacht und Nebel an seine Haustür, um sich wirksame Salben und Tränke für ihre diversen Wehwehchen zu besorgen. Wer wirklich wissen möchte wie es damals zuging, dem seien die inzwischen vier erschienen Bände von Oliver Pötzschs “Die Henkerstochter” ans Herz gelegt, in denen er das Leben seiner Vorfahren, einer Henkersfamilie aus dem Schongau, auf sehr spannende und kurzweilige Art und Weise beschreibt.

Das Richtschwert war das wichtigste Instrument eines Henkers. Denn wehe, wenn er ungeübt war oder einfach nur einen schlechten Tag hatte. Rollte der Kopf nicht gleich beim ersten Streich, so zog er sich schnell den Unmut der Zuschauer zu. Je nach allgemeiner Stimmungslage konnte ihn solch ein Missgeschick leicht selbst um Kopf und Kragen bringen. Der Nürnberger Henker Franz Schmidt ist wohl auch deswegen bis in die heutigen Tage hinein so bekannt, weil er über seine Hinrichtungen akribisch Tagebuch führte. Exakt 361 Menschen sollen es gewesen sein, denen er vom Leben zum Tod verhalf.

Bildquellenangabe: Rike  / pixelio.de

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Kam Meister Schmidt nach getaner Arbeit zurück in sein Haus, hängte er das Schwert an eine dafür vorgesehene Stelle gleich hinter der Eingangstür. Der Legende nach zeigte dieses Schwert einen künftigen Verbrecher in seiner Nähe sofort an, in dem es wie von Geisterhand bewegt zu Schwingen begann. Eines Tages trug es sich zu, dass der Sohn Meister Schmidts einen Schulfreund mit nach Hause brachte. Just in dem Augenblick als der Knabe die Schwelle übertrat, fing das Richtschwert an, unkontrolliert hin und her zu pendeln. Vater und Sohn stockte gleichzeitig der Atem, denn beiden war die unheilschwangere Bedeutung dieses Zeichens nur zu gut bekannt. Auf der Stelle flehte der Junge den Henker an: “Bitte lieber Vater, kennt Ihr nicht einen Weg um doch noch zu verhindern, dass mein bester Freund eines Tages durch Euer Schwert endet?”.
Franz Schmidt wusste, dass das Schwert nun unbedingt Blut sehen wollte. Also nahm er es vom Haken und fügte dem Freund seines Sohnes eine winzig kleine Wunde im Nacken zu. Nur gerade so tief, dass ein kleiner Tropfen Blut floss und die Klinge tränkte. Mit diesem gnädigen Akt hatte er den bösen Fluch gebrochen. So oft die beiden Freunde noch im Henkerhaus zusammen trafen, das Schwert bewegte sich nie wieder. Aus dem Schulfreund wurde später ein ehrbarer Bürger Nürnbergs, welcher sich Zeit seines Lebens nie etwas zu Schulden kommen ließ.

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