Wieso ein Hirschgeweih den Chorumgang der Tangermünder Stephanskirche ziert

Kennen Sie Tangermünde, die alte Kaiserstadt an der Elbe? Für mich ist Tangermünde eine der sehenswertesten Städte Deutschlands überhaupt. Es gibt wohl kaum eine andere Stadt, die solch ein charmantes, mittelalterliches Flair ausstrahlt, ausgenommen vielleicht dem fränkischen Rothenburg ob der Tauber. Obwohl beide Ortschaften, aufgrund ihrer Lage in völlig unterschiedlichen Regionen unseres Landes, auch nicht unbedingt miteinander vergleichbar sind. Es gab eine Zeit, in der ich tatsächlich mit dem Gedanken gespielt habe, meinen kompletten Wohnsitz nach Tangermünde zu verlegen, wäre da nicht der Umstand, dass in Sachsen-Anhalt Arbeitstellen nicht gerade stark gesät sind. Und sollte einem das Glück bei der Jobsuche doch hold sein, dann weißt die Stelle ein garantiert unterbezahltes Lohnniveau auf. Glauben Sie mir, ich weiß wovon ich rede, habe ich doch Familienangehörige sowie auch liebe Freunde, die dort leben.

Im Tangermünder Schlosspark Bildquellenangabe: Femek  / pixelio.de

Im Tangermünder Schlosspark
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Ich hatte häufig die Gelegenheit Tangermünde zu besuchen und ausgiebig zu erkunden, sei es von außen von Bord eines Elbdampfers aus, oder von innen beim Bummel durch die historischen Straßen und Gassen der Altstadt. Bei einer dieser Gelegenheiten besichtigte ich die Kirche Sankt Stephan und war ziemlich verwundert, wieso dort eine Heiligenfigur auf einem Hirschkopf aus Holz, welcher mit einem echten Geweih ausstaffiert war, zu sehen ist. Nachforschungen führten mich zu einer sehr alten Tangermünder Legende, die mich ansatzweise stark an den russischen Märchenfilm “Der Hirsch mit dem goldenen Geweih” erinnert, den ich als kleines Mädchen so gerne angeschaut habe.

Bildquellenangabe: Ich-und-Du  / pixelio.de

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In diesem Märchen ging es um einen prachtvollen Hirsch, der Bedürftigen in großer Not zu Hilfe eilte. Ähnliches soll sich im 15. Jahrhundert in den Wäldern um Tangermünde zugetragen haben.

In jener Zeit lebte in der Elbestadt eine angesehene Patrizierfamilie namens Lorenz mit ihrer kleinen Tochter. Das Kind ging eines Tages im Frühling in die damals noch nahe der Stadtmauer liegenden Wälder, um frische Heilkräuter zu sammeln. Vergleichbar mit dem Mädchen aus Stephen Kings gleichnamigen Roman kam ihr jeglicher Orientierungssinn abhanden und sie verirrte sich gnadenlos im Dickicht. Als sie in ihrer Angst verzweifelt zu Schluchzen begann, trat ein stolzer Hirsch aus dem Wald, ließ sie auf seinem Rücken Platz nehmen und trug sie sicher nach Tangermünde zurück. Das edle Tier entsprach in dieser Hinsicht vollkommen, der mit ihm verbundenen Symbolik von Stärke, Männlichkeit und Führungskraft.

Die Eltern der Jungfrau Lorenz pflegten und hegten den Hirsch aus Dankbarkeit für die Rettung ihrer Tochter bis zu seinem Lebensende. Nach seinem Tod wurde das majestätische Hirschgeweih anfänglich in der Nicolaikirche aufgehängt. Erst als diese im Jahre 1831 zu einem Garnisonslazarett umfunktioniert wurde, bekam der Kopfschmuck des Hirsches seinen heutigen Platz in St. Stephan zugewiesen.
Der dichte Wald, in dem sich die ganze Geschichte zutrug, musste schon längst fruchtbarem Ackerland weichen. Schließlich befindet sich im nördlichen Sachsen-Anhalt eine der wichtigsten Kornkammern Deutschlands. Der Name Lorenzfeld, welcher auch heute noch bekannt ist, erinnert aber immer noch an den ritterlichen Beschützer aus dem Reich der Waldtiere.

Bildquellenangabe: Stefan Lange  / pixelio.de

Bildquellenangabe: Stefan Lange / pixelio.de

Zum Schluss noch ein absoluter Insider-Tipp von mir: Sollten Sie einmal einen Ausflug übers Wochenende nach Tangermünde planen und es gerne den alten Rittersleuten gleichtun wollen, dann nehmen Sie Platz an der mittelalterlichen Tafel des Grete-Minde-Kellers. Bei kultiger Dudelsackmusik schmeckt die deftige Wildschweinkeule gleich noch mal so gut. Und noch ein Extra-Hinweis für die passionierten Biertrinker unter Ihnen: Unbedingt das Tangermünder Kuhschwanzbier probieren!

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