Wotan und die legendären Internächte

Bildquellenangabe: Bernd Kasper  / pixelio.de

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Wir befinden uns gerade in einer Zeit, die bei mir zu Hause als Internächte bezeichnet wird. Gemeint sind die Tage und speziell Nächte zwischen den Jahren. In anderen Gebieten wird dieser Abschnitt zwischen dem Weihnachtsabend und Hochneujahr auch Rauhnächte oder die Zwölften genannt.

Zahllose abergläubische Mythen ranken sich um diese längsten Nächte des Jahres. Als Kind lauschte ich mit wohligem Grausen den Geschichten, die mir mein Papa über die Internächte erzählte. Ich ertappe mich auch in diesem Jahr wieder dabei, dass ich mich strikt an das ungeschriebene Gesetz halte, in den Internächten bloß keine Bettwäsche zu waschen. Klar, weiße Bettlaken oder -bezüge gibt es zwar in meinem Haushalt gar nicht, da ich von jeher farbenfrohe, bunte Wäsche bevorzuge, und ein guter Freund hat auch ohne mein Verstoß gegen dieses Gebot im letzten Sommer Selbstmord begangen. Aber schließlich weiß man ja nie und sollte das Schicksal nicht auch noch herausfordern…

Obendrein bin ich ziemlich erleichtert, wenn ich in den zwölf Nächten zwischen Weihnachten und dem 6. Januar möglichst wenig, am besten überhaupt nichts träume. Dem Volksaberglaube zufolge steht jede dieser Nächte für einen Monat des kommenden Jahres. Was heute Nacht im Traum passiert, könnte also bereits im März 2014 in Erfüllung gehen. Was aber, wenn ich von negativen Träumen heimgesucht werde und mich dann vor der nahen Zukunft fürchte, statt mich wie jedes Jahr auf den Frühling zu freuen?

Bildquellenangabe: Renate Tröße  / pixelio.de

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Die faszinierendste Legende rund um die Rauhnächte handelt vom germanischen Göttervater Wotan höchstpersönlich. Just in dieser Zeitphase scheint sich der alte, bärtige Krieger in seiner Walhalla zu mörderisch zu langweilen. Zusammen mit seinen Begleitern, bei denen es sich ausnahmslos um Menschen handelt, die im vergangenen Jahr zu früh aus dem Leben gerissen wurden und einen unnatürlichen Tod gestorben sind, begibt er sich deshalb auf die “Wilde Jagd” durch die Finsternis nordischer und mitteleuropäischer Nächte. Nicht jeder kann Wotans Meute sehen, was auch besser ist, denn sonst bliebe dieser armen Seele nichts anderes übrig, als sich selbst dem wütenden Jagdzug anzuschließen. Doch wenn eine starke Windböe in der Dunkelheit um Ihre Hausecke pfeift, können Sie sich fast sicher sein, dass Wotan soeben Ihr Grundstück passiert hat.

Bildquellenangabe: siepmannH  / pixelio.de

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Ein alter Brauch aus Oldenburg, welcher in engem Zusammenhang mit Wotan, dem Wilden Jäger stand, gehört wohl inzwischen längst der Vergangenheit an, denn sonst müsste dort zwischen Weihnachten und Silvester die gesamte Bevölkerung zu Fuß laufen und das Auto schön in der Garage stehen lassen.
In dem einstigen, niedersächsischen Großherzogtum glaubte man nämlich, dass alle runden Bewegungen in den Rauhnächten Unglück bringen und die Wilde Jagd anlocken würden. Deshalb durfte sich in dieser Zeit kein Spinnrad und schon gar kein Wagenrad drehen. Die Kinder eines Bauern aus Visbek nahmen dieses Verbot nicht ernst und beschlossen dennoch eine Schubkarre zur Beförderung von Feuerholz zu benutzen, um sich die Arbeit etwas zu erleichtern. Dem Vater, der sie bei ihrer Tätigkeit überraschte, fuhr der Schrecken tief in die Glieder. Er packte sich den Schubkarren eigenhändig auf den Rücken und trug ihn so auf seinen Hof, mit der einen Hand sorgfältig das Rad festhaltend, damit es sich nur ja nicht weiterdrehte. Seine Frau, die ebenfalls Wind vom Frevel ihrer Kinder bekommen hatte, konnte mit Jammern gar nicht mehr aufhören. Zu tief saß die Angst vor kommenden Unheil, welches ihnen vielleicht sogar ihr gesamtes Hab und Gut kosten könne.

Bildquellenangabe: ABa81  / pixelio.de

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Um Wotans Meute zu beschwichtigen, beschloss die Bauernfamilie, dem Germanengott ein Opfer darzubringen. Schweren Herzens trennten sie sich daher von ihrem Kälbchen und brachten es hinaus in die Heidelandschaft. Der Wilden Jagd scheint Kalbfleisch wirklich zu schmecken, denn das Tier war am nächsten Tag verschwunden und wurde auch nie wieder gesehen. Da der Bauer und seine Angehörigen tatsächlich vom Unglück verschont blieben, übernahmen seine Nachbarn den Brauch als Vorsichtsmaßnahme und brachten über viele Jahre hinweg in den Rauhnächten dem Wilden Jäger eines ihrer Kälber als Opfergabe dar.

Passen Sie also in den kommenden Nächten gut auf sich auf!

Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien einen Guten Rutsch und ein glückliches, erfolgreiches Jahr 2014!!!

Bildquellenangabe: Sandra Probstfeld  / pixelio.de

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